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Länderspiegel

Mysteriöse Todesfälle im Seniorenheim: Angeklagter bestreitet Totschlagsvorwürfe

Das Landgericht Bamberg prüft die Todesfälle von Gleusdorf. Der Staatsanwalt wirft drei Angeklagten vor, sich wie die Herren über Leben und Tod verhalten zu haben.



27 Verhandlungstage, 5000 Seiten Akten: Nach den rätselhaften Todesfällen in der Seniorenresidenz Gleusdorf hat in Bamberg der Prozess gegen drei Verdächtige begonnen. Im Bild Anwalt Alexander Seifert mit der wegen Totschlags angeklagten Heimleiterin. Foto: Daniel Karmann/dpa
27 Verhandlungstage, 5000 Seiten Akten: Nach den rätselhaften Todesfällen in der Seniorenresidenz Gleusdorf hat in Bamberg der Prozess gegen drei Verdächtige begonnen. Im Bild Anwalt Alexander Seifert mit der wegen Totschlags angeklagten Heimleiterin. Foto: Daniel Karmann/dpa   » zu den Bildern

Bamberg - Zwei der Angeklagten sagen gar nichts. Und der dritte lässt seinen Verteidiger sprechen: Am ersten Prozesstag um rätselhafte Todesfälle in der Seniorenresidenz Gleusdorf bestritt Anwalt Thomas Drehsen die Vorwürfe gegen den ehemaligen Pflegedienstleiter. Vor dem Landgericht Bamberg müssen sich seit Mittwoch neben dem 49-jährigen Pflegedienstleiter, die 59-jährige damalige Heimleiterin und der 70-jährige Hausarzt des Heims verantworten. Das Gericht verhandelt unter anderem vier ungeklärte Todesfälle, die sich in der Seniorenresidenz Gleusdorf (Landkreis Haßberge) ereignet haben. Die Heimleiterin und der Hausarzt äußerten sich weder zu den Vorwürfen noch machten sie Angaben zur eigenen Person.

 

Nach Ansicht der Anklage wurde hochbetagten Bewohnern der Seniorenresidenz dringend notwendige medizinische Versorgung vorenthalten (wir berichteten mehrfach). Laut dem ersten Fall der Anklageschrift verletzte sich ein 80-jähriger Heimbewohner in der Nacht zum 18. August 2014 durch einen Sturz auf ein Nachttischkästchen im Gesicht - mit der Folge eines deutlich sichtbaren großflächigen Hämatoms. Obwohl sich sein Gesundheitszustand in den darauffolgenden Tagen zusehends verschlechterte, sollen es die drei Angeklagten unterlassen haben, den 80-Jährigen in ein Krankenhaus einzuweisen - trotz Bedenken des Pflegepersonals.

Die Angeklagten hätten sich "selbstgefällig als Herren über Leben und Tod" benommen, sagte Staatsanwalt Otto Heyder. Er wirft ihnen weitere Vorfälle vor. Schon seit 2003 hätten die Heimleiterin und der Pflegedienstleiter den Pflegekräften untersagt, bei schweren Erkrankungen von Heimbewohnern oder bei Verletzungen nach Unfällen einen Arzt oder Notarzt zu verständigen. Dem Personal sei mit Kündigung, Klageverfahren sowie anderen empfindlichen Nachteilen gedroht worden. Den Angestellten sei es lediglich erlaubt gewesen, die Heimleiterin per SMS zu informieren, die sich dann um alles Weitere kümmere.

Diese Anweisungen sollen dazu geführt haben, dass eben kein Notarzt gerufen wurde, als der Zustand des gestürzten 80-Jährigen immer schlechter wurde. Die Heimleiterin und der Pflegedienstleiter sollen das Personal angewiesen haben, fiebersenkende Mittel zu verabreichen und Infusionen mit Natriumchlorid zu geben. Das wiederum hat der Anklageschrift zufolge zu Wassereinlagerungen mit Wölbungen am Bauch und Oberschenkel des Patienten geführt. Auch als der 80-Jährige eine Lungenentzündung bekam, wurde er nicht in ein Krankenhaus gebracht. Er starb am 23. Juni 2014.

Im Anschluss wurde offensichtlich verschleiert: Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft forderte die angeklagte Heimleiterin eine Pflegekraft auf, in die Pflegeakten den nichtssagenden Vermerk, "der Patient hatte keine Vitalzeichen" aufzunehmen. Der Hausarzt habe im Totenschein als Todesursachen einen "natürlichen Tod" eingetragen.

Im zweiten Fall der Anklage geht es um die Umstände, die zum Tod eines 69-jährigen Heimbewohners geführt haben. Alles begann am 9. Oktober 2011 mit grippeähnlichen Krankheitssymptomen. Obwohl sich der Zustand des Mannes verschlechterte, sei er nicht in eine Klinik verlegt worden. Als er am 11. Oktober 2011 gegen 23 Uhr stark zu zittern begann, soll ihm der Pflegedienstleiter ohne nochmalige Rücksprache mit dem Hausarzt eine Spritze unbekannten Inhalts in den Bauch verabreicht haben. Möglicherweise handelte es sich um Insulin. Der 69-Jährige starb wenig später.

"Du hast nichts gesehen und erzählst niemandem davon, sonst erlebst du ein blaues Wunder", soll der Pflegedienstleiter zur Pflegekraft in aggressivem Ton und mit erhobenem Zeigefinger gesagt haben. Der angeklagte Hausarzt soll im Totenschein wieder "natürlicher Tod" eingetragen haben.

Im dritten Fall, der verhandelt wird, geht es um einen 86-jährigen Heimbewohner, dem ebenfalls eine fachgerechte Behandlung vorenthalten worden sein soll. Selbst als ihm als Folge davon ein Stück eines Fingers abfiel, kam er nicht ins Krankenhaus. Stattdessen soll der Pflegedienstleiter der behandelnden Pflegekraft per Whatsapp geschrieben haben: "Macht ihn schön zurecht und lasst ihn in Ruhe sterben." Am 12. September 2016 wurde der Heimbewohner in ein anderes Heim verlegt. Er starb am 25. September 2016.

Laut dem vierten Anklagepunkt soll eine 74-jährige Heimbewohnerin nach einem Schlaganfall nicht richtig behandelt worden sein. Als sich ihr Gesundheitszustand im Mai 2015 verschlechterte, hätten die drei Angeklagten nichts unternommen, um die Beschwerden zu lindern. Die Frau starb. Dem Hausarzt wird vorgeworfen, als Todesursache unzutreffend "Lungenembolie" in den Totenschein eingetragen zu haben.

Im fünften Anklagepunkt wird der ehemalige Pflegedienstleiter beschuldigt, im Jahr 2013 einen Heimbewohner mit der Faust ins Gesicht geschlagen zu haben, weil er nachts gegen 0.30 Uhr seinen Fernseher nicht leiser stellte.

Der Verteidiger der ehemaligen Heimleiterin wies darauf hin, dass seine Mandantin nicht mehr in der Seniorenresidenz Gleusdorf arbeite und die Geschäftsführung niedergelegt habe. Sie wolle sich beruflich neu orientieren. Dafür, dass sich die 59-Jährige als "Herrin über Leben und Tod" aufgespielt habe, gebe es in den Ermittlungen keine Grundlagen.

Für den Prozess sind 27 Verhandlungstage angesetzt, 43 Zeugen sind geladen. Die Hauptakte umfasst 5000 DIN-A4-Seiten. Ein Urteil wird im Januar 2020 erwartet.

 

 

Autor

Martin Schweiger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
17. 07. 2019
11:38 Uhr

Aktualisiert am:
17. 07. 2019
19:26 Uhr

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Angeklagte Landgericht Bamberg NP Todesfälle in Schloss Gleusdorf Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte Seniorenheime Seniorenresidenzen
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Martin Schweiger

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17. 07. 2019
11:38 Uhr

Aktualisiert am:
17. 07. 2019
19:26 Uhr



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