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Länderspiegel

Neue Zeitungen ebnen Weg in Demokratie

Die Frankenpost begrüßte die Besucher aus der DDR mit einem Wegweiser namens "Vogtlandpost". Daraus entstanden drei neue Zeitungen in Thüringen und Sachsen.



Zwei Tage nach der Grenzöffnung brachte der Frankenpost -Verlag die "Vogtlandpost" heraus. Sie diente als "Wegweiser für die DDR-Bürger im nordöstlichen Bayern", erschien in einer Auflage von mehr als 100 000 Exemplaren und wurde an der Grenze und an den Auszahlungsstellen für das Begrüßungsgeld verteilt. Foto: FP-Archiv
Zwei Tage nach der Grenzöffnung brachte der Frankenpost -Verlag die "Vogtlandpost" heraus. Sie diente als "Wegweiser für die DDR-Bürger im nordöstlichen Bayern", erschien in einer Auflage von mehr als 100 000 Exemplaren und wurde an der Grenze und an den Auszahlungsstellen für das Begrüßungsgeld verteilt. Foto: FP-Archiv  

Hof - Die Sensation überraschte die Zeitungsmacher bei einer Konferenz, in der es darum ging, Nordostbayern aus seiner Randlage zu holen, die Region besser anzubinden ans Netz der Autobahnen und der Bahnverbindungen. Heinrich Giegold, Chefredakteur und Herausgeber der oberfränkischen Tageszeitung Frankenpost, hatte am 8. November 1989 gerade das Verkehrsforum der Frankenpost mit führenden Politikern und Unternehmern aus München und ganz Oberfranken in Hof eröffnet, da überreichte ihm ein Kollege eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur: Von Mitternacht an werde die Grenze von der DDR zur Bundesrepublik für alle DDR-Bürger geöffnet, lautete die Botschaft. Als Giegold die Meldung vor der Versammlung vorgelesen hatte, erhoben sich die Teilnehmer mit Wirtschaftsminister August Lang an der Spitze und klatschten stürmisch Beifall. Das oberfränkische Verkehrsforum wurde innerhalb von Sekunden zur Nebensache.

Noch in der Nacht berieten die führenden Mitarbeiter der Frankenpost darüber, was zu tun sei in Anbetracht der neuen Lage. Am nächsten Morgen stand die Entscheidung fest: Innerhalb weniger Stunden stampften die Redakteurinnen und Redakteure in Hof eine neue Zeitung aus dem Boden. Ihr Titel: "Vogtlandpost". Die Zeitung wurde am Morgen des 11. November an den Grenzübergängen, auf Bahnhöfen, vor den Rathäusern und auf den Straßen der Region an Zehntausende von DDR-Bürgern verteilt, die mit ihren Trabis und Wartburgs oder mit der Bahn in den "freien Westen" strömten.

Kurz darauf brachte der Frankenpost-Verlag einen Sonderdruck unter dem Titel "Vogtlandpost" heraus, der als "Wegweiser für die DDR-Bürger im nordöstlichen Bayern" in einer Auflage von mehr als 100 000 Exemplaren an der Grenze und an den Auszahlungsstellen für das Begrüßungsgeld verteilt wurde. Die Besucher aus dem Osten nahmen die Informationen dankbar auf, die Sonderdrucke fanden bei ihnen reißenden Absatz.

Die Sympathie und das Vertrauen, das die Hofer Zeitungsmacher bei den Nachbarn aus dem Osten durch diesen "Service"geerntet hatten, war der ideale Nährboden für eine publizistische Offensive in Sachsen und Thüringen: Wenige Monate nach der Grenzöffnung gründeten Herausgeber Heinrich Giegold und der neue Geschäftsführer Gert Böhm drei neue Regionalzeitungen: den Vogtland-Anzeiger in Plauen, die Thüringenpost in Schleiz und die Sachsenpost (später das Zwickauer Tageblatt) in Zwickau; ein Jahr später übernahm der Hofer Verlag in Westböhmen acht tschechischsprachige regionale Wochenblätter unter dem Titel Západoceské Noviny. Mit Stolz wies Giegold später immer wieder darauf hin, dass "seine" Zeitung die Ausweitung ihres Verbreitungsgebietes nicht "durch Einkauf in alte SED-Zeitungen" erzielt habe, sondern durch den Zusammenschluss mit integren, demokratisch und liberal gesinnten Partnern aus der jeweiligen Region.

Für ihr grenzüberschreitendes, "einmaliges Zeitungskonzept" erhielt die Frankenpost die für eine Regionalzeitung ungewöhnlichste und höchste Auszeichnung: Am 29. Oktober 1994 nahmen Geschäftsführer Böhm und Chefredakteur Malte Buschbeck in Lissabon aus den Händen des portugiesischen Staatspräsidenten Mario Soares und des ehemaligen EG-Präsidenten Lord Jenkins den "Prix Stendhal für Journalismus und Kommunikation in Europa" entgegen, den bedeutendsten Medienpreis in Europa.

Der Service, den die Frankenpost den DDR-Bürgern zur Wende geboten hat, beschränkte sich nicht auf die Herausgabe von Zeitungen, sondern auch auf Informationen der persönlichen Art: Unmittelbar nach der Grenzöffnung brach über die Redaktion der oberfränkischen Tageszeitung eine Flut von Briefen und Postkarten von DDR-Bürgern herein, die um Auskunft zu den unterschiedlichsten Themen baten. "Wo bekomme ich einen günstigen Gebrauchtwagen?" "Bei welcher Bank schließe ich am besten einen Bausparvertrag ab?" So und ähnlich lauteten die Fragen, die unserer Redaktion in Tausenden von Schreiben gestellt wurden. Die Redaktion schlug den schwerstmöglichen aller möglichen Wege ein: Sie beschloss, kein Schreiben unbeantwortet zu lassen und gründete einen "Brief-Beantwortungs-Pool", in dem freie Mitarbeiterinnen (Hausfrauen, ehemalige Sekretärinnen) unter der Leitung des Autors dieser Zeilen sich bemühten, auf alle Fragen einzugehen und den Absendern bestmöglich zu helfen.

Mit diesem unbürokratischen, außergewöhnlichen und kostenlosen Service und mit den neuen Zeitungen - die sich mit Ausnahme des Vogtland-Anzeigers aus wirtschaftlichen Gründen nicht bis heute gehalten haben - hat die Tageszeitung Frankenpost, die "Stimme der Region", Tausenden unserer Nachbarn aus dem sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat den Weg in die Demokratie geebnet.

Autor

Roland Rischawy
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
06. 11. 2019
19:39 Uhr

Aktualisiert am:
06. 11. 2019
19:39 Uhr

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Autor

Roland Rischawy

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Veröffentlicht am:
06. 11. 2019
19:39 Uhr

Aktualisiert am:
06. 11. 2019
19:39 Uhr



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