Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Länderspiegel

Prozess um Gewalt-Exzess in Zug: Am Rande des Erträglichen

Der Prozess um einen Gewalt-Exzess in einem Zug zwischen Kronach und Steinbach geht dem Ende entgegen. Dem mutmaßlichen Täter droht lebenslänglich.



Am Rande des Erträglichen
Am Rande des Erträglichen  

Kronach/Coburg - "Wir haben es mit einer erheblichen Gewalttat zu tun", so Oberstaatsanwalt Christopher Rosenbusch in seinem Schlussvortrag zum Verfahren am Landgericht Coburg. Diesem zugrunde liegt ein brutaler Angriff auf einen behinderten Menschen im Nachtzug zwischen Kronach und Steinbach am Wald zur Zeit des Kronacher Freischießens im Jahr 2019. Der Anklagevertreter geht von versuchtem Mord aus und beantragte am Mittwoch eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren.

Den 23-jährigen Beschuldigten nannte der Oberstaatsanwalt einen "im wahrsten Sinne des Wortes haltlosen Menschen". Zuvor hatte ein psychiatrischer Sachverständiger den jungen Mann, der mit einer Schaustellertruppe beim Freischießen gastierte, eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Sein Aggressionspotenzial sei hoch. Er neige zur Gewaltanwendung. Völlig harmlose Äußerungen oder Gesten eines anderen deute er als Aggressionen, die ihn zu Gewaltausbrüchen veranlassten.

Rosenbusch verwiese auf die eindeutige Beweislage. Eine Überwachungskamera habe das Geschehen im Zug dokumentiert. Die Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Christoph Gillot hatte sich das Video angesehen. Es zeigt, wie der 23-Jährige ohne erkennbaren Grund auf sein Opfer losgeht. Er versetzt dem schwerbehinderten Mann eine Vielzahl von Schlägen auf den Kopf. Diese Attacke dauerte nach den Worten des Anklagevertreters etwa 40 Sekunden. Dann traktierte der Angeklagte sein Opfer weitere 30 Sekunden mit Schlägen an den Kopf und einem Tritt in den Unterleib. Nach einer kurzen Unterbrechung warf er eine leere Bierflasche in Richtung des Kopfes des am Boden liegenden Mannes und versetze ihm einen Tritt an den Kopf.

"Der Angeklagte konnte davon ausgehen, dass sein Opfer stirbt", sagte der Oberstaatsanwalt. Dass die Schläge und Tritte "potenziell tödlich" gewesen seien, habe ein Gutachten bestätigt. An dem Behinderten habe er seinen Frust ausgelassen, nachdem er von einem Mädchen einen Korb bekommen und eine Mitfahrgelegenheit vom Festplatz in Kronach nach Tettau verpasst habe. Der 23-Jährige habe aus niederen Beweggründen und mit Tötungsvorsatz gehandelt, weshalb es sich um einen versuchten Mord handele.

Wie die Nebenklagevertreterin, Kristina Freifrau von Imhoff, erinnerte Rosenbusch an die schweren Folgen für das Opfer und dessen Mutter. Die körperlichen Verletzungen seien zwar ohne dauerhafte Folgen geblieben, doch seelisch leide das Gewaltopfer schwer. Auch die Mutter, durch die Behinderung des Sohnes ohnehin belastet, müsse mit der brutalen Attacke leben.

Selbst Verteidiger Alexander Schmidtgall musste einräumen: "Die Wehrlosigkeit des Opfers im Video zu sehen, tut weh." Dies sei am Rand des menschlich Erträglichen. Einen Tötungsvorsatz wollte der Anwalt seinem Mandanten nicht unterstellen. Infrage komme für ihn eine Haftstrafe von etwa fünf Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung. Schmidtgall verwies zudem darauf, dass sich der 23-Jährige einer Psychotherapie unterziehen wolle, um seine Aggressionen in den Griff zu bekommen. Die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus kann sich auch der Anklagevertreter vorstellen. In seinem jetzigen Zustand sei der Angeklagte eine Gefahr für die Allgemeinheit. Daran ändere der Gefängnisaufenthalt nichts, wie der Angriff auf einen Mithäftling während der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Kronach gezeigt habe.

Zu dem Schluss war auch ein Gutachter gekommen. Der Angeklagte sei schon als Kind auffällig gewesen. Immer wieder habe es Ausbrüche körperlicher Gewalt gegeben. Der Konsum von Alkohol und Drogen habe die Aggressivität des 23-Jährigen, der aus einem völlig zerrütteten Elternhaus stammt, nur verstärkt. Bereits mit 16 sei die erste Haftstrafe fällig gewesen. Der Angeklagte sei sich bewusst, dass bei weiteren Gewalttaten eine Sicherheitsverwahrung drohe. Daher sei er bereit zu einer Therapie.

—————

Ihr Urteil will die Strafkammer am Mittwoch, 17. Juni, 10 Uhr, verkünden.

Autor

Mathias Mathes
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
12. 06. 2020
16:56 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Behinderte Gewaltausbruch Gewaltdelikte und Gewalttaten Körperverletzung und Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit Landgericht Coburg Psychotherapie Sicherungsverwahrung Strafkammern Untersuchungshaft Verbrecher und Kriminelle
Kronach Coburg
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Fußtritt. Symbolfoto. Fußtritt. Symbolfoto.

23.03.2020

Ehedrama in Selbitz - 35-Jähriger verurteilt

Das Landgericht Hof verhängt wegen gefährlicher Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von mehr als drei Jahren. Der Mann hatte seine Ehefrau im vergangenen September auf den Kopf gestampft. » mehr

Foto-Illustzration: Falko Matte/AdobeStock

25.03.2020

Nur Millimeter am Tod vorbei

Ein Mann steht wegen seiner brutalen Attacken auf seine Lebensgefährtin vor Gericht. Es grenzt an ein Wunder, dass die Frau diese überlebt hat. » mehr

Fußtritt. Symbolfoto. Fußtritt. Symbolfoto.

08.05.2020

Prozess: Hofer soll Mann brutal gegen den Kopf getreten haben

Ein 23-Jähriger tritt am Hofer Hauptbahnhof auf einen anderen Mann ein. Vor Gericht ist er über die Tat selbst verwundert. » mehr

Handschellen liegen auf einem Tisch

17.07.2020

Freiheitsstrafen für die Baustellenbande

Das Landgericht Hof will ein Zeichen der Abschreckung setzen. Und im Gerichtsgebäude klicken gleich wieder die Handschellen. » mehr

Bei Schlägereien in Hof und Selb werden die Opfer zum Teil mit Fäusten und Füßen traktiert. In beide Taten verwickelt war ein junger Mann aus Hof, der sich mit weiteren Angeklagten vor dem Hofer Jugendschöffengericht verantworten musste.	Foto: ©nito - stock.adobe.com

25.05.2020

Tritte gegen Kopf: 36-Jähriger schwer verletzt

Zwei betrunkene Männer geraten am Vatertag an einer Bushaltestelle in Streit. Bei der Schlägerei wird der 36-Jährige schwer verletzt. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Totschlags. » mehr

550 Kilogramm Marihuana hatten Zollfahnder in einem Lastwagen auf der Autobahn 9 bei Berg im Landkreis Hof sichergestellt.	Foto: Peter Kneffel/dpa

08.07.2020

BGH bestätigt Urteil gegen Dealer

Wegen Rauschgifthandels im großen Stil hat das Hofer Landgericht einen Geschäftsmann aus Köln zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Der Bundesgerichtshof hat die Revision des Mannes jetzt zurückgewiesen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

HSC Coburg: Training und Media Day

HSC Coburg: Training und Media Day | 12.08.2020 Coburg
» 25 Bilder ansehen

WG: HSC - mögliche Aufmacher

WG: HSC - mögliche Aufmacher | 12.08.2020 Coburg
» 26 Bilder ansehen

Großbrand in Tettau auf Bauernhof

Großbrand auf Tettauer Bauernhof | 09.08.2020 Tettau
» 50 Bilder ansehen

Autor

Mathias Mathes

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
12. 06. 2020
16:56 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.