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Länderspiegel

Real-Verkauf: 700 Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft

Metro trennt sich von der Real-Kette. Die meisten Filialen werden verkauft, einige auch geschlossen. Wie der Verkauf für sie ausgeht, wissen die Kulmbacher Beschäftigten nicht.



Dass Real seinen Auftritt von Rot zu Blau gewechselt hat und auch der Punkt und der Strich am Ende weggefallen ist, hat nichts mit den aktuellen Verkaufsplänen zu tun, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Wie alle anderen gut 34 000 Beschäftigten wissen auch die 106 Mitarbeiter des Kulmbacher Markts derzeit nicht, was die berufliche Zukunft bringen wird.
Dass Real seinen Auftritt von Rot zu Blau gewechselt hat und auch der Punkt und der Strich am Ende weggefallen ist, hat nichts mit den aktuellen Verkaufsplänen zu tun, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Wie alle anderen gut 34 000 Beschäftigten wissen auch die 106 Mitarbeiter des Kulmbacher Markts derzeit nicht, was die berufliche Zukunft bringen wird.   Foto: Melitta Burger

Kulmbach - Paul Lehmann, stellvertretender Bezirksgeschäftsführer von Verdi im Bezirk Oberfranken Ost und Fachbereichsleiter für Handel in Oberfranken, spricht von einem Skandal. "Die Mitarbeiter erbringen hervorragende Leistungen, und ihr Arbeitgeber ist offenbar nicht einmal in der Lage, seine Beschäftigten mit Informationen zu versorgen und Schritt für Schritt mitzunehmen." Worum es beim "Mitnehmen" geht: Bereits seit langem ist bekannt, dass der Metro-Konzern die ihm gehörenden Real-Märkte verkaufen will. Jetzt ist der viele Millionen Euro schwere Deal mit einem Konsortium rund um den Immobilien-Investor konkret geworden. Das Kartellamt hat in einer ersten Runde bereits die Genehmigung erteilt. Seit Tagen werden sogar schon konkrete Aussagen über die Zukunft der Kette in den Medien gehandelt. Doch die Beschäftigten in den Märkten, klagt die Kulmbacher Real-Betriebsratsvorsitzende Angela Schirmer, wissen auch nicht mehr als die Öffentlichkeit. Dabei geht es um die Zukunft der Mitarbeiter. Denn es ist keineswegs klar, ob alle 277 Märkte in Deutschland, darunter sieben in Oberfranken, erhalten bleiben. Die Rede ist von etwa 40 Schließungen.

Keine Informationen: "Wie es für uns in Kulmbach weitergeht, wissen wir nicht", sagt Angela Schirmer. "Die lassen nichts raus." Aus den Medien weiß die Betriebsrätin, die auch im regionalen Verdi-Vorstand sitzt, dass die Verhandlungen noch laufen. Sie weiß auch von der Genehmigung durch das Kartellamt. Das hilft aber ihr und ihren 105 Kulmbacher Kolleginnen und Kollegen nicht weiter. "Wir wissen selbst nichts. Man hält uns dumm", beklagt Angela Schirmer, die gestern bei Real in Kulmbach auch zu einer Betriebsversammlung eingeladen hatte. Für die ganze Region wäre es schlecht, wenn sich Real aus Kulmbach zurückziehen würde. "Gerade jetzt, wo Kaufland geschlossen wurde und unser eigener Markt nach dem Umbau richtig chic geworden ist, steht alles offen. Aufgeben komme aber für die Beschäftigten nicht in Frage: "Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt." Schon lang zögen sich die Verhandlungen um den Verkauf von Real hin. "Uns bleibt nichts anderes als abzuwarten. Das ist für uns natürlich gar nicht gut, schließlich hängen unsere Arbeitsplätze daran", macht Angela Schirmer deutlich. Für sie und ihre Kollegen ist aber klar: "Wir halten durch."

 

Gar nicht zufrieden: Paul Lehmann von Verdi steht nicht nur den Kulmbacher Beschäftigten von Real zur Seite, sondern auch den anderen Filialen der Kette in Oberfranken. 130 Menschen arbeiten bei Real in Hallstadt, 49 in Bamberg, 114 in Coburg, 106 in Kulmbach, am größeren von zwei Standorten in Bayreuth sind es 133, am kleineren 82, 70 sind es in Kronach. Über 684 Beschäftigten von Real in der Region hängt ein Damokles-Schwert. Es gibt viele Fragen, aber kaum Antworten. "Man kann es sich vorstellen, wie es den Leuten geht", sagt Paul Lehmann. "Es herrscht große Unsicherheit, die Menschen haben Zukunftsängste." Weiterhin hänge alles in der Luft. "Wir wissen nicht, ob und wann es eine Lösung gibt." Dass Metro schweigt und seinen Beschäftigten keine Informationen gibt, kritisiert Lehmann scharf. Er findet auch, dass in dieser Sache die Politik gefragt sei. "Schließlich geht es um 34 000 Beschäftigte in ganz Deutschland."

 

Konkrete Aussagen nicht möglich : Der Metro-Konzern will diese Kritik so nicht stehen lassen. Eine Sprecherin der Metro AG spricht davon, dass der gesamte Prozess noch sehr dynamisch sei. "So lange die Verkaufsverhandlungen noch laufen, können wir nichts zu einzelnen Standorten sagen. Das ist natürlich bedauerlich für die Mitarbeiter und eine schwierige Situation. Aber es ist noch nichts entschieden." Gerade erst gingen die Gebote von anderen Händlern für die zum Verkauf stehenden Filialen ein. Davon hänge alles ab. Es werde wohl noch einige Wochen dauern, bis man Konkretes sagen könne. Die Angebote für die einzelnen Standorte müssen ausgewertet werden, zumal auch Überlappungen zu erwarten seien. Danach sollen, wie die Sprecherin erklärt, die Pakete geschnürt und im Anschluss beim Bundeskartellamt zur Anmeldung eingereicht werden. Letztendlich stehe auch die endgültige Genehmigung durch das Kartellamt aus. Davon hänge alles ab. "Stand heute können wir noch keinen Vollzug melden." Metro kündigt an, bei der Abgabe der Standorte die Belange der Mitarbeiter zu berücksichtigen. "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns während der laufenden Verkaufsverhandlungen nicht zu einzelnen Standorten äußern können."

 

Drei Säulen geplant: Jürgen Herres von der Frankfurter Agentur Feldhoff & Cie. wurde von Redos, dem potenziellen Käufer der Real-Märkte, mit der Öffentlichkeitsarbeit rund um den Real-Deal beauftragt, der deutschlandweit viel Beachtung findet. Bislang sei der Prozess erst so weit fortgeschritten, dass es eine Genehmigung für die generelle Übernahme durch das Kartellamt gebe. Derzeit, das bestätigte auch Jürgen Herres, gehen Übernahmeangebote von Wettbewerbern für einzelne Filialen an den unterschiedlichen Standorten ein. Es gebe Offerten für einen, zwei oder bis zu zehn Märkten ebenso wie für eine größere Anzahl. Wer die Bieter sind, sagt auch Redos zu diesem Zeitpunkt nicht. In Wirtschaftsnachrichten werden aber Namen wie Edeka und Rewe gehandelt. Kaufland, einer der größten Wettbewerber von Real, heißt es, sei inzwischen aus dem Rennen.

Was Jürgen Herres offiziell bestätigt: Der Übernahmeplan beruht auf drei Säulen. Im Markt wird berichtet, gemeinsam mit Metro wolle Redos etwa 60 Märkte, die man als Kernbestand ansieht, weiterführen und dabei auch den Namen "Real" beibehalten. Redos ist in diesem Bereich mit 75,1 Prozent der Mehrheitseigentümer, Metro wird sich mit 24,9 Prozent noch für maximal drei Jahre am operativen Geschäft beteiligen. Die Immobilien kauft Redos alleine.

Im zweiten Segment sind die Märkte zusammengefasst, die aufgrund der Prognosen für ihre Zukunft geschlossen werden sollen. Dabei handle es sich, so ist zu hören, um etwa 30 bis 40 Standorte. Das sei aber nicht die Sache von Redos, sondern sei bereits vor der Transaktion im Real-Management beschlossen worden.

 

Korb für den Verkauf: Rund 170 Märkte liegen, wie Insider wissen, im dritten Korb und seien für den Verkauf vorgesehen. "Wer zu den Märkten gehört, die wir weiterführen, und welche Märkte geschlossen werden, können wir noch nicht sagen", macht Jürgen Herres deutlich. Das liege unter anderem auch daran, dass zuerst alle Angebote gesichtet werden müssen. Für welche Märkte welche Angebote eingehen, könne noch nicht gesagt werden. Jedes einzelne Angebot müsse geprüft werden. Erst dann könne man sagen, ob es zu einem Verkauf kommt oder nicht.

Metro-Chef Olaf Koch war in einem Interview mit der WAZ am 14. Oktober noch wesentlich zurückhaltender. Er bestätigte nur: "Das Konzept sieht vor, dass ein nennenswerter Anteil von Standorten an Wettbewerber übergeht." Und weiter: "Solange die Verhandlungen laufen, verbietet sich jede Spekulation über Zahlen. Wichtig ist das Signal, dass die Marke Real mit einem gesunden Kern erhalten bleibt."

Das hoffen die Beschäftigten in Kulmbach ebenso wie ihre Kollegen in den anderen Märkten in Oberfranken. Ihr Wunsch: Sie wären gern bei denen, die weiterhin in einem Einkaufsmarkt arbeiten, an dessen Eingang der Schriftzug "Real" steht.

Autor

Melitta Burger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
23. 10. 2019
14:56 Uhr

Aktualisiert am:
23. 10. 2019
17:16 Uhr

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Melitta Burger

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23. 10. 2019
14:56 Uhr

Aktualisiert am:
23. 10. 2019
17:16 Uhr



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