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Länderspiegel

Verursacher ja, Schuldiger nein

Ein grässlicher Unfall auf der A 9 beschäftigt nach dem Schöffengericht nun auch das Landgericht Hof. Ein Urteil gibt es jedoch nicht.



Ein Sattelzug quer über alle Spuren: Die 49-jährige Frau aus Marktleugast hatte an jenem Dezemberabend vor vier Jahren keine Chance, ihrem Unheil zu entgehen. Foto News5/Fricke
Ein Sattelzug quer über alle Spuren: Die 49-jährige Frau aus Marktleugast hatte an jenem Dezemberabend vor vier Jahren keine Chance, ihrem Unheil zu entgehen. Foto News5/Fricke  

Ein schrecklicher Verkehrsunfall, der sich am 5. Dezember 2014 auf der Autobahn A 9 unweit der Anschlussstelle Hof-West ereignet hatte, wird keine strafrechtlichen Konsequenzen haben. Dies entschied sich in dieser Woche vor der fünften Strafkammer des Landgerichts Hof.

Die Staatsanwaltschaft nahm ihren Berufungsantrag gegen einen 64-jährigen Elektroingenieur aus Berlin zurück, der an jenem feuchten Dezemberabend eine fatale Kettenreaktion in Gang gesetzt hatte. Der Berliner war auf der Autobahn in Richtung Norden unterwegs und setzte kurz vor Hof zum Überholen eines Sattelzuges an. Dabei nutzte er die linke der drei Fahrspuren. Noch in Höhe des Lkw kam der rote Kleinwagen des Ingenieurs plötzlich ins Trudeln. Von der Mittelleitplanke driftete der Wagen scharf nach rechts. Zeugen sagten später, dass es fast ein Winkel von 90 Grad gewesen sei, mit dem das Auto gegen den Lkw prallte. Dabei traf er ausgerechnet die mit der Lenkung verbundene Vorderachse.

05.12.2014 - Tödlicher Lkw-Unfall A9 bei Hof-West - Foto: News5

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Dies beeinflusste die Lenkung des Lkw so stark, dass dieser auf Gegenkurs ging. Der schwere Sattelzug scherte nach links aus, durchbrach die Mittelleitplanke und kam auf der Gegenfahrbahn zum Stehen. Zum selben Zeitpunkt war eine damals 49 Jahre alte Frau aus Marktleugast in Richtung Süden unterwegs. Sie hatte an diesem Tag länger arbeiten müssen und wollte nun nach Hause fahren. Die Frau hatte in der Dunkelheit keine Chance: Mit großer Wucht prallte sie gegen den querstehenden Sattelzug; sie starb noch an der Unfallstelle. Bei einer Reihe weiterer Auffahrunfälle gab es Verletzte.

Für den Unfall hatte sich der Elektroingenieur schon einmal im Jahr 2015 vor dem Amtsgericht verantworten müssen. Die Richter hatten ihn seinerzeit freigesprochen, weil ihm kein schuldhaftes Verhalten nachweisbar gewesen sei. Zwar sei er sicher der Unfallverursacher gewesen, aber was zum Verreißen der Lenkung geführt habe, sei nicht mehr zu klären gewesen. Es könnten auch Umstände gewesen sein, so die Richter, die dem Fahrer nicht als Schuld angelastet werden könnten. Gegen dieses Urteil hatte die Staatsanwaltschaft Hof Berufung eingelegt, die nun fast vier Jahre nach dem Unfall vor dem Landgericht verhandelt wurde.

Damals wie heute schwieg der Ingenieur zu den Ereignissen. Darüber gesprochen hatte er nur einmal: Am Morgen nach dem Unfall berichtete er Polizisten, die ihn im Krankenhaus Hof besuchten, dass er nach rechts gefahren sei, weil er gefürchtet habe, gegen die Leitplanken zu stoßen. Dabei habe er die Gewalt über sein Fahrzeug verloren. Abgesehen davon, dass auch dies noch keine genaue Ursache beschreibt, war die Aussage auch aus einem anderen Grund gerichtlich nicht verwertbar: Die Polizisten hatten den damals 61-Jährigen nicht darüber belehrt, dass er als möglicher Beschuldigter vernommen werde. Zu diesem Zeitpunkt waren schon über zwölf Stunden seit dem Unfall vergangen. Als die Polizisten die Belehrung nachholten und ihm erstmals darlegten, dass es eine Tote und Verletzte gegeben habe, verlangte er nach einem Anwalt. Seitdem macht er von seinem Recht auf Verteidigung durch Schweigen Gebrauch.

Die Vernehmung der Unfallzeugen brachte kein anderes Ergebnis als in der Verhandlung vor dem Schöffengericht. Ihre Schilderungen gingen in entscheidenden Details weit auseinander. Während ein Zeuge den Wagen des Angeklagten in Schlangenlinien auf der äußerst linken Spur gesehen hatte, war er für den anderen erst von ganz rechts nach ganz links und dann wieder scharf nach rechts gegen den Lkw gefahren. Allen gemeinsam war anzumerken, dass sie vor allem froh waren, den Unfall unbeschadet überstanden zu haben.

Der vom Gericht bestellte Gutachter Stefan Lutter trug vor, dass man den Unfall aus den Spuren an Fahrzeugen und Straße erst ab dem Zeitpunkt rekonstruieren könne, als der rote Kleinwagen ins Schlingern kam. Für die Ursache hierfür gebe es keine objektiven Ergebnisse. Der Ingenieur könne kurz eingenickt sein oder aber auch durch das Verhalten eines Kleinlasters erschreckt worden sein, der auf der Mittelspur ebenfalls den Sattelzug überholte.

Schwer zu akzeptieren war der Ausgang des Verfahrens für die Angehörigen der Toten, Mutter und Bruder, die an der Verhandlung als Nebenkläger teilnahmen. Für beide stand fest, dass der Berliner zumindest fahrlässig gehandelt habe. Die Mutter schilderte dem Gericht, dass der Unfalltod der Tochter eine Tragödie sei, über die die ganze Familie noch nicht hinweg gekommen sei.

Vorsitzender Richter Claus Peter Riedelbauch und Staatsanwalt Dominic Pyka legten ihnen behutsam dar, dass es bei diesem Unfall zwar einen eindeutigen Verursacher gibt, aber keinen Verurteilten geben könne. Im deutschen Strafrecht müsse jedem Angeklagten sein Verschulden eindeutig nachgewiesen werden. Dies sei in diesem Fall nicht möglich. Es gebe genug andere nicht mit Schuld verbundene Ursachen für den Unfall. Besonders tragisch: Heute könnte sich ein solcher Unfall an dieser Stelle der Autobahn kaum noch ereignen. In den vergangenen beiden Jahren wurde bei Fahrbahnerneuerungen auch die Mittelplanke ausgetauscht. Statt der bekannten Metallleitplanken trennt heute eine doppelreihige, massive Betonanlage die beiden Richtungsspuren. Für die 49-jährige Frau kam dies zu spät.

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Joachim Dankbar

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Veröffentlicht am:
10. 10. 2018
20:18 Uhr

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10. 10. 2018
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