Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Länderspiegel

Wende im Fall der Anhalterin Sophia Lösche

Warum tötete der Fernfahrer die junge Frau? Die Anklage vermutet, um eine Sexualstraftat zu vertuschen. Doch es könnte auch einen anderen Grund geben.



Mordfall Sophia
In Spanien wurde auch Sophias Leiche entdeckt. Der Lkw-Fahrer wurde nach Deutschland ausgeliefert und kam in Untersuchungshaft.   Foto: Jesus Andrade/El Correo

Bayreuth - Der Mord an Sophia Lösche könnte auch geschehen sein, um eine Körperverletzung zu vertuschen - und nicht ein Sexualverbrechen. Das hatte sich in dem Prozess vor dem Landgericht Bayreuth bereits angedeutet. Nun hat das Bayreuther Schwurgericht Stellung bezogen. Gerichtsvorsitzender Bernhard Heim erteilte am Dienstagnachmittag einen entsprechenden sogenannten rechtlichen Hinweis. Diese sind in einem Strafprozess dann notwendig, wenn die in der Beweisaufnahme erbrachten Sachverhalte von der durch die Staatsanwaltschaft erhobenen und vom Gericht zur Hauptverhandlung zugelassenen Anklage nicht gedeckt sind. Im Fall der Bluttat an Sophia Lösche ging die Anklage davon aus, der marokkanische Fernfahrer Boujeema L. habe die Anhalterin zur Verdeckung einer Sexualstraftat ermordet.

Sophia Lösche war am späten Nachmittag des 14. Juni 2018 am Schkeuditzer Kreuz in den Laster des Angeklagten gestiegen. Nach seinem eigenen Geständnis hatte der 42-Jährige die Anhalterin auf dem Autobahnparkplatz Sperbes im südlichen Landkreis Bayreuth in der Fahrerkabine seines Lasters mit einem schweren Radmutterschlüssel erschlagen.

Für die von der Staatsanwaltschaft angenommene Sexualstraftat an der 28-jährigen Studentin, die damals von ihrem Studienort Leipzig zur Geburtstagsfeier ihres Vaters nach Amberg trampen wollte, ergab der Prozess nur Indizien: Der marokkanische Trucker hatte Fotos von Frauen auf seinem Handy und auch Fotos, auf denen er sich selbst befriedigt. Konkrete Beweise, dass Sophia Lösche sexuell missbraucht oder gar vergewaltigt wurde, ergaben die gerichtsmedizinischen Untersuchungen, wie berichtet, nicht.

In seinem Geständnis hatte der Fernfahrer, zum Teil unter Tränen, beteuert, dass er keinesfalls eine Sexualstraftat an Sophia Lösche begangen habe.

In der Tatschilderung des Angeklagten sieht das Gericht jedoch die Möglichkeit einer zweiten Mordvariante. Boujeema L. hatte berichtet, er habe mit Sophia Lösche gestritten - angeblich wegen eines Krümels Haschisch, den die junge Frau in dem Führerhaus suchte. Dieses Suchen will der Fernfahrer als Durchwühlen seiner Sachen in Diebstahlsabsicht missdeutet haben. Bei dem ausufernden Wortgefecht habe Sophia Lösche ihn beleidigt und geschlagen. Die Reaktion des Fernfahrers: Schläge mit einem etwa 1,1 Kilo schweren Werkzeugrohr aus Eisen, an dessen Ende sich ein Sechskant für die Radmuttern des Lasters befindet.

Weil der Angeklagte den Tathergang als Geschehen in zwei Phasen schilderte, kommt nun das Gericht zu der Annahme, auch die vom Angeklagten angebotene Tatvariante könne ein Mord gewesen sein: Nämlich deshalb, weil zwischen der ersten Phase - dem Zuschlagen - und der zweiten Phase eine zehnminütige Pause war, in der der Angeklagte außerhalb seines Lasters eine Zigarette geraucht haben will.

In der zweiten Tatphase will Boujeema L. nochmals zugeschlagen haben. Hierin könnte nach dem rechtlichen Hinweis der Mord begründet sein: zur Verdeckung der bei der ersten Tatphase begangenen gefährlichen Körperverletzung. Allerdings war das Opfer laut Obduktionsergebnis schon nach der ersten Tatphase tot. Worüber der Fernfahrer und Sophia Lösche stritten, lässt der rechtliche Hinweis offen: Es könne "ungebührliches Verhalten" der Anhalterin gewesen sein, also tatsächlich Durchwühlen des Führerhauses, aber auch eine "deutliche Zurückweisung" des Angeklagten durch das Opfer.

Der Prozess soll am 10. September fortgesetzt werden. Für diesen Tag sind die Plädoyers geplant.

Autor

Manfred Scherer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
20. 08. 2019
20:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Anklage Fall Sophia Körperverletzung Landgericht Bayreuth Mord Rechtsmedizin Sexualdelikte Tötung
Bayreuth
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Verteidiger Karsten Schieseck (links) mit seinem Mandanten, dem 42-jährigen Boujeema L. Dieser hat gestanden, Sophia Lösche getötet zu haben, stellt es aber als Unfall dar.

Aktualisiert am 18.09.2019

Anhalterin getötet: Lkw-Fahrer bekommt lebenslänglich

Das Gericht ist überzeugt, dass der Täter die junge Frau tötete, um ein vorangegangenes Verbrechen zu vertuschen. Demnach starb sie am Parkplatz Sperbes an der A 9. » mehr

Am 21. Juni 2018 wurde die Leiche der Anhalterin Sophia Lösche nahe der Autobahn bei der spanischen Ortschaft Asparrena gefunden. Da war die junge Frau aus Amberg nach Ansicht des Gerichtsmediziners bereits seit mehreren Tagen tot.

16.08.2019

Mordfall Sophia: Obduktion stützt Aussage des Angeklagten

Bei der Untersuchung der Leiche von Sophia Lösche findet der Gerichtsmediziner keine Hinweise auf eine Vergewaltigung. Das Opfer war nach den Schlägen schnell bewusstlos. » mehr

Verteidiger Karsten Schieseck (links) mit seinem Mandanten, dem 42-jährigen Boujeema L. Dieser hat gestanden, Sophia Lösche getötet zu haben, stellt es aber als Unfall dar.

10.09.2019

Fall Sophia: Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft

Im Mordprozess um die erschlagene Tramperin Sophia Lösche hat die Staatsanwaltschaft am Dienstag für eine lebenslange Haftstrafe des angeklagten Fernfahrers wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung plädiert. » mehr

Boujeema L. (links) muss sich derzeit vor dem Landgericht Bayreuth wegen Mordes an der Anhalterin Sophia L. verantworten. Foto: Daniel Karmann/dpa

Aktualisiert am 31.07.2019

Mordfall Sophia: Obduktion lässt Fragen offen

Im Mordprozess um die erschlagene Tramperin Sophia Lösche hat ein spanischer Obduktionsbericht weiter offen gelassen, wann die damals 28-Jährige getötet wurde. » mehr

Der Parkplatz Sperbes an der A 9. Hier soll der marokkanische Lasterfahrer die Studentin Sophia Lösche getötet haben. Foto: Manfred Scherer

24.07.2019

Fall Sophia: Eine GPS-Spur durch halb Europa

Im Prozess um die getötete Studentin Sophia berichtet der Chefermittler über den Weg des Angeklagten. Die Kripo kann genau nachvollziehen, wo der Lastwagen wann war. » mehr

Tatort Lastwagen: Der ausgebrannte Lkw, den der wegen Mordes angeklagte Marokkaner fuhr, wurde auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Oberfranken von einem Gutachter untersucht.

14.08.2019

Fall Sophia: Gutachter hält Brandstiftung an Lkw für wahrscheinlich

Im Mordfall Lösche schließt ein Brandgutachter einen technischen Defekt nicht gänzlich aus. Klarheit gibt es nicht. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Neues Freizeit- und Tourismuszentrum Steinbach am Wald Steinbach am Wald

Neues Freizeit- und Tourismuszentrum Steinbach am Wald | 19.09.2019 Steinbach am Wald
» 7 Bilder ansehen

Kinderwünsche an König Tessmer

Kinderwünsche an König Tessmer | 19.09.2019 Coburg
» 12 Bilder ansehen

Kronach: Brand in Sägewerk

Kronach: Großbrand in Sägewerk | 16.09.2019 Kronach/Höfles
» 26 Bilder ansehen

Autor

Manfred Scherer

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
20. 08. 2019
20:14 Uhr



^