Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Länderspiegel

Widersprüchliche Aussagen zu Gleusdorf

Waren die Zustände im Seniorenheim tatsächlich so schlimm? Zwei Zeugen belasten die ehemalige Leitung vor dem Amts- gericht Bamberg schwer, andere halten dagegen.



Trügerische Idylle: Die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf im Landkreis Haßberge in Unterfranken.
Trügerische Idylle: Die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf im Landkreis Haßberge in Unterfranken.   Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Bamberg - Verschieden lautende Zeugenaussagen haben den sechsten und siebten Verhandlungstag am Landgericht Bamberg gegen führende Ex-Mitarbeiter des Seniorenheims Gleusdorf im Landkreis Hassberge geprägt. Das frühere Leitungspersonal muss sich unter anderem wegen Totschlags durch unterlassene Hilfeleistung verantworten.

Während zwei Zeugen Zeitungsberichte über angebliche Missstände als falsch bezeichneten, machten zwei ehemalige Pflegerinnen im Zeugenstand schwere Vorwürfe. Eine Ex-Mitarbeiterin, der die Heimleitung im Jahr 2016 fristlos gekündigt hatte, schilderte eine mangelhafte Desinfektion. So seien Einmal-Spritzen zur nochmaligen Verwendung in der Geschirrspülmaschine zusammen mit dem Essgeschirr gespült worden. Der mitangeklagte ehemalige Pflegedienstleiter habe sich mehrfach sexuelle Übergriffe auf Mitarbeiterinnen erlaubt und das Personal angeschrien. Im November 2015 habe sie Vorgänge abzeichnen sollen, die so nicht stimmten, etwa Rundgänge, die nicht stattfanden.

Seit 2011 hätten sie und eine weitere Kollegin erwogen, das Haus zu verlassen. Sie hätten jedoch den Absprung nicht geschafft, so die Zeugin. Sie habe eine Liste angefertigt, auf der sie die Mängel notierte. Einige davon wiederholte sie vor Gericht. So seien Bewohner gegen ihren Willen fixiert worden. Der Ex-Pflegedienstleiter habe einen Bewohner wiederholt geschlagen. Der Senior hatte daher oft Blutergüsse, die in der Dokumentation mit "unbekannter Herkunft" beschrieben werden mussten. Unruhige Hausbewohner seien von der Heimleiterin mit Tabletten ruhiggestellt worden.

Ziel sei es gewesen, möglichst viele Bewohner auf den höchsten Pflegegrad (damals: Pflegestufe 3) zu bekommen, um möglichst viel Geld von der Pflegekasse zu bekommen. Die Heimbewohner hätten weder Geld noch Ausweis oder Schmuck behalten dürfen. Auch Trinkgelder seien vom Personal einkassiert worden. "Die Chefin nahm alles mit, was sie in den Nachttischen fand", gab die Zeugin zu Protokoll.

Eine Betreuerin, deren Onkel in dem Heim im Jahr 2014 nach vier Monaten Aufenthalt im Alter von 81 Jahren verstarb, ließ ebenfalls kein gutes Haar an den damaligen Zuständen. "Wo hast du mich da hingebracht?", habe sie ihr Onkel gefragt. Sein Zustand habe sich in dem Heim rapide verschlechtert.

Eine weitere ehemalige Pflegerin sagte vor Gericht, sie habe sich ausgenutzt gefühlt. Als die Heimleiterin von sich aus die Medikation der Bewohner änderte, habe sie gekündigt.

Den Tränen nahe war sie, als sie vom Schicksal ihres Bruders berichtete, der im Seniorenheim Gleusdorf aufgenommen wurde. Er sei im Heim gestürzt und seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen. "Wenn er gleich in ein Krankenhaus gekommen wäre, dann müsste er heute nicht im Pflegeheim leben", war sie sich sicher. Sie sei damals noch im Pflegeheim beschäftigt gewesen, habe sich aber nicht um ihren Bruder kümmern dürfen. Der Prozess wird am 28. August um 9 Uhr fortgesetzt.

Autor

Martin Schweiger
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
08. 08. 2019
19:20 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ausweise Krankenhäuser und Kliniken Landgericht Bamberg NP Todesfälle in Schloss Gleusdorf Pflegeheime Pflegeversicherungen und Pflegekassen Senioren Seniorenheime Sexuelle Belästigung Totschlag
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Prozessstart im Pflegeskandal von Gleusdorf

03.08.2019

Widersprüchliche Aussagen zu Gleusdorf

Herrschten in dem Heim unzumutbare Zustände oder war die Atmosphäre familiär und fachgerecht? Zeugen sprechen vor dem Landgericht Bamberg von beidem. » mehr

27 Verhandlungstage, 5000 Seiten Akten: Nach den rätselhaften Todesfällen in der Seniorenresidenz Gleusdorf hat in Bamberg der Prozess gegen drei Verdächtige begonnen. Im Bild Anwalt Alexander Seifert mit der wegen Totschlags angeklagten Heimleiterin. Foto: Daniel Karmann/dpa

Aktualisiert am 17.07.2019

Mysteriöse Todesfälle im Seniorenheim: Angeklagter bestreitet Totschlagsvorwürfe

Das Landgericht Bamberg prüft die Todesfälle von Gleusdorf. Der Staatsanwalt wirft drei Angeklagten vor, sich wie die Herren über Leben und Tod verhalten zu haben. » mehr

23.06.2019

Rettungshund spürt vermisste Frau in Hof auf

Simone Bauch und ihrem Rettungshund Balthasar ist Großartiges gelungen: Sie haben eine vermisste Frau in Hof gefunden. Für den Vierbeiner ist das eine enorme Leistung. » mehr

Die Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf muss zwar nicht schließen, der VGH empfiehlt jedoch die Suche nach einem neuen Träger. Eine Empfehlung, der die Leitung des Heimes nachkommen will. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

08.02.2019

Mysteriöse Todesfälle in Gleusdorf: Anklage gegen Heimleitung erhoben

Sie sollen sich wie Herren über Leben und Tod verhalten haben: Drei Mitarbeiter der fränkischen Seniorenresidenz Gleusdorf stehen im Fokus der Staatsanwaltschaft. » mehr

Der Seniorenresidenz in Gleusdorf droht die Schließung. Der Zeitpunkt Ende Januar 2019 ist aber nicht offiziell bestätigt.	Archivfoto: David-Wolfgang Ebener/dpa

10.01.2019

Hoffnungsschimmer für die Seniorenresidenz Gleusdorf

Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hält die Schließung der Einrichtung durch das Landratsamt Haßberge für nicht verhältnismäßig. Der Betrieb läuft weiter. » mehr

Genügend Zeit und Zuwendung für die betagten Bewohner bleibt im Pflegealltag häufig auf der Strecke. Das Projekt "Zeitintensive Betreuung im Pflegeheim" (ZiB) will diesem Mangel abhelfen, vor allem Menschen in ihrer letzten Lebensphase sollen davon profitieren. In diesem Monat ist das ZiB-Projekt auch in Oberfranken angelaufen. Symbolfoto: Holger Hollemann/dpa

06.02.2019

Vorzeige-Modell für Pflege am Lebensende

In Oberfranken nehmen drei Seniorenheime an einem Pilotprojekt teil. Es gibt Pflegekräften mehr Zeit, um auf die besondere Situation von Sterbenden einzugehen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Neues Freizeit- und Tourismuszentrum Steinbach am Wald Steinbach am Wald

Neues Freizeit- und Tourismuszentrum Steinbach am Wald | 19.09.2019 Steinbach am Wald
» 7 Bilder ansehen

Kinderwünsche an König Tessmer

Kinderwünsche an König Tessmer | 19.09.2019 Coburg
» 12 Bilder ansehen

Kronach: Brand in Sägewerk

Kronach: Großbrand in Sägewerk | 16.09.2019 Kronach/Höfles
» 26 Bilder ansehen

Autor

Martin Schweiger

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
08. 08. 2019
19:20 Uhr



^