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Wirtschaft

"Da ist Sand ins Getriebe geraten"

Abflauende Konjunktur, technologischer Wandel und Nullzins-Politik: Die Alarmsignale hört der Ökonom Ralf-Joachim Götz ebenso - aber Grund zur Panik sieht er nicht.



Gerät die deutsche Wirtschaft aus dem Takt? Noch stützen der Konsum und der Bauboom die Konjunktur. Aber die Stimmung gerade in den exportorientierten Unternehmen hat sich deutlich eingetrübt.	Fotos: Christopher Michael, Jörg Carstensen/dpa
Gerät die deutsche Wirtschaft aus dem Takt? Noch stützen der Konsum und der Bauboom die Konjunktur. Aber die Stimmung gerade in den exportorientierten Unternehmen hat sich deutlich eingetrübt. Fotos: Christopher Michael, Jörg Carstensen/dpa  

Herr Dr. Götz, Wirtschaftsinstitute, Verbände, die Bundesbank und auch die Regierung korrigieren in kurzer Folge die Konjunkturerwartungen deutlich nach unten. Kommt jetzt der Abschwung?

Zur Person und Deutschen Vermögensberatung

Dr. Ralf-Joachim Götz ist promovierter Ökonom und Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung (DVAG). Das Unternehmen erzielte im Geschäftsjahr 2018 einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro, eine Steigerung von 16,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Den gesamten Bestand seiner verwalteten Versicherungen, Investments und Bauspardarlehen beziffert der Frankfurter Konzern auf 205,3 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr hat die Deutsche Vermögensberatung den Vertrieb der Münchner Versicherungsgesellschaft Generali integriert, wodurch sie die Zahl der Direktionen und Geschäftsstellen in Deutschland auf 5000 erhöht hat. Die 17 000 hauptberuflichen Vermögensberater betreuen bundesweit acht Millionen Kunden. Das Unternehmen befindet sich mit Andreas Pohl als Vorstandsvorsitzenden und Reinfried Pohl als Generalbevollbemächtigtem seit Gründung im Jahre 1975 in Familienhand.

Die Stimmungslage hat sich in Teilen der Wirtschaft merklich abgekühlt. Wenn es um die Bewertung der aktuellen Situation geht, halte ich mit folgender Zahl dagegen: Es gibt derzeit in Deutschland rund 800 000 gemeldete offene Stellen. Es scheint also in vielen Unternehmen, insbesondere auch im Mittelstand, noch immer einen erheblichen Bedarf an Arbeitskräften zu geben. Und: Wenn man von einem schwieriger werdenden wirtschaftlichen Umfeld spricht, dann lässt sich das nicht nur konjunkturell beantworten. Die Einflüsse sind auch struktureller Art.

 

 

Wie meinen Sie das?

Es gibt eben nicht nur die internationalen Handelskonflikte. Wir stehen auch im eigenen Land vor den Herausforderungen einer zunehmenden Regulierung, einer alternden Bevölkerung und dem Druck nachhaltiger und umweltschonender zu produzieren. Fehlen dürfen hier nicht die Folgen des technologischen Wandels, wie ihn etwa gerade die Automobilindustrie bei den Antriebstechnologien erlebt. Das kann man nicht einfach lapidar mit dem Wort Konjunktur abhandeln. Das sind Veränderungen, die zudem von rasanten Fortschritten in der Digitalisierung getrieben werden.

 

Aber an den globalen Faktoren kommt ja niemand vorbei: Handelskonflikte, ein eventuell ungeordneter Brexit, immer mehr politische Instabilitäten in vielen Ländern. Da wird es für Deutschland als Exportnation schwieriger.

Das ist natürlich richtig. Die USA, Frankreich, China, die Niederlande und Großbritannien sind unsere fünf wichtigsten Exportpartner. Bei einem Teil dieser Länder ist Sand ins Getriebe internationaler Wirtschaftsbeziehungen geraten. So ist es auch noch völlig ungewiss, was sich beim Brexit letztendlich herauskristallisiert. All das sorgt, wie viele andere Dinge, die gerade global passieren, für große Unruhe. Im Exportbereich schwächeln wir bereits. Auch wenn wir weiterhin Auftrieb durch die Binnenkonjunktur haben, so bilden wir mittlerweile beim Wirtschaftswachstum - allerdings vor Italien, das im ersten Quartal einen Rückgang verzeichnete - das Schlusslicht im Euroraum. Und der wächst langsamer als die Weltwirtschaft. Im internationalen Vergleich halte ich das für bedenklich, auch wenn man den Wohlstand eines Landes nicht nur am Wachstum festmachen sollte.

 

Aber gerade da fühlen sich die deutschen Unternehmen blockiert. Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) sieht Unternehmenssteuern wie die Körperschaftssteuer von 25
Prozent als zu hoch an. Ist das eine Wachstumsbremse?

Aus der Sicht von Unternehmen spielt das Thema Besteuerung natürlich eine besondere Rolle. Im weltweiten Vergleich sind die deutschen Unternehmenssteuern als hoch einzustufen. Steuern sind zwar nicht das alleinige Thema, wenn es um die Standortfaktoren geht. Ab einer gewissen Höhe führen sie allerdings zu einem internationalen Wettbewerbsnachteil. Dann bremsen sie Investitionen und schwächen damit die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen.

 

Auch ein Grund, warum die Wirtschaft die politischen Debatten über einen Preis für den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß mit größtem Misstrauen verfolgt.

Kommt diese Bepreisung einfach als allgemeine CO2-Steuer, dann ist das eben eine weitere Belastung für Unternehmen und Privathaushalte. Fokussiert man sie auf den Verkehr, dann stellt sich auch die Frage: Können Menschen in den ländlichen Gebieten, wo der öffentliche Nahverkehr nicht so gut ausgebaut ist, einfach auf das Auto verzichten? Gerade wenn sie Berufspendler sind, wohl kaum. Sie wären von der CO2-Steuer extrem betroffen, wenn sie weiterhin in die Städte fahren wollen, um dort zu arbeiten. Wenn dieser Weg verteuert wird, dann kann das ökonomisch betrachtet zu Ineffizienzen auf dem Arbeitsmarkt führen. Da kommen wieder die 800 000 offenen Arbeitsplätze ins Spiel, die dann noch schwerer zu besetzen sind. Auch durch diesen Effekt kann eine CO2-Steuer zu einem Hemmnis für Wachstum werden.

 

Könnte künftig die Digitalisierung ein Treiber der Konjunktur sein?

Schon jetzt sind die Effizienzgewinne durch Automatisierung enorm. Aber man darf bei aller Digitalisierung die Menschen nicht auf der Strecke lassen. Sie muss man gerade bei neuen Geschäftsmodellen und der Veränderung von Arbeitsprozessen mitnehmen.

 

Weil es bei der sogenannten digitalen Transformation viele Verlierer geben kann? Selbst Konzernchefs sprechen sich mittlerweile für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus.

Das ist am Ende eine politische Entscheidung. Wirtschaftlich sehe ich dafür noch keine Notwendigkeit. Wie gesagt, in vielen Bereichen werden noch händeringend Arbeitskräfte gesucht. Aber auf lange Sicht kann das anders sein. Bei einem sehr weitgehenden Ersatz von Arbeitskräften durch Technologie kann die Frage verstärkt in den Mittelpunkt rücken, wer künftig wie vom Mehrwert profitiert, der durch Roboter und Automatisierung geschaffen wird.

Im Moment haben sicherlich viele Menschen noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt, aber gerade auch die Künstliche Intelligenz in Arbeitsprozessen wird spürbare Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Es wird viele Menschen betreffen, die sich dann neu orientieren müssen. Und es ist noch völlig unklar,
wie viele und welche Arbeitsplätze auf der einen Seite wegfallen und auf der anderen Seite neu geschaffen werden.

 

Die persönlichen Perspektiven der Menschen werden insgesamt vager, die gesetzliche Rente ist schon länger nicht mehr garantiert, aber gleichzeitig befinden wir uns immer noch in einer Nullzins-Phase. Dabei scheint die private Vorsorge heute wichtiger denn je zu sein.

Es war ja früher schon so, dass die Leute nach dem Berufsleben oftmals nicht nur von ihrer gesetzlichen Rente gelebt haben. Auch vor zehn oder 20 Jahren hat sie im Durchschnitt nur zwei Drittel des Einkommens im Ruhestand ausgemacht, der Rest kam durch andere Einkünfte. Der Unterschied zu heute ist, dass man früher in sehr sichere Anlagen mit einem hohen Festzins wie beispielsweise Bundesschatzbriefe investieren konnte. Die gibt es nicht mehr, dafür aber andere Konzepte zur privaten Altersvorsorge wie etwa die Riester-Rente, fondsgebundene Lebensversicherungen oder Sparpläne mit Investmentfonds. Allerdings ist es mittlerweile eine große Herausforderung und man muss gut beraten sein, um in der anhaltenden Niedrigzinsphase die notwendige private Altersvorsorge überhaupt aufbauen zu können.

 

Die möglichst sichere Anlage mit guter Rendite gehört der Vergangenheit an?

Die am stärksten anwachsende Anlageform der privaten Haushalte war in Deutschland in den letzten Jahren das Bargeld. Und im Moment legen die privaten Haushalte 40 Prozent ihres Geldvermögens quasi zum Nullzins an. Hier zeigt sich, dass das Sicherheitsgefühl in Deutschland sehr stark ausgeprägt ist. Aber das allein ist der falsche Weg, um wichtige Spar- und Vermögensziele zu erreichen.

 

 
Autor

Michael Ertel, Christopher Michael
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Veröffentlicht am:
31. 07. 2019
00:00 Uhr

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Michael Ertel, Christopher Michael

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Veröffentlicht am:
31. 07. 2019
00:00 Uhr



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