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Wirtschaft

Hitzige Debatten auf Grammer-Hauptversammlung

Die geplante Übernahme des Zulieferers durch Ningbo Jifeng sorgt für viel Gesprächsstoff. Der Anwalt eines Großaktionärs fährt schwere Geschütze auf.



Grammer plant für die Zukunft neuartige Konzepte für den Fahrzeug-Innenraum.
Grammer plant für die Zukunft neuartige Konzepte für den Fahrzeug-Innenraum.   Foto: Armin Weigel/dpa

Amberg - Es hätte eine fröhliche Familienfeier mit den Aktionären werden können. Grammer-Vorstandsvorsitzender Hartmut Müller konnte wieder einmal hervorragende Zahlen vorlegen, blickte beinahe euphorisch in die Zukunft und wusste Yiping Wang, den Vorstandsvorsitzenden des chinesischen Investors Ningbo Jifeng, im Saal. Doch einer hatte etwas dagegen: Franz Enderle, Rechtsvertreter der Familie Hastor, die immer noch einen Großteil der Grammer-Aktien hält. Enderle forderte die Absetzung von Versammlungsleiter Klaus Probst, der im Vorjahr unter anderem die Hauptversammlung belogen habe.

Fast 1,8 Milliarden Euro Umsatz, ein Bilanzgewinn von nahezu 58 Millionen Euro und eine stetig steigende Eigenkapitalquote waren nur einige Eckpunkte der Ausführungen von Hartmut Müller, dem Vorstandsvorsitzenden der Grammer AG. Müller bezeichnete es darüber hinaus als ein Highlight des abgelaufenen Jahres, dass es Grammer gelungen ist, das US-amerikanische Unternehmen Toledo Molding & Die zuzukaufen, einen Spezialisten für thermoplastische Elemente. Toledo eröffne den Zugang zu bisher nicht erschlossenen Märkten in der nordamerikanischen Nafta-Zone und ergänze das Grammer-Portfolio auf dem Kontinent. Und die Übernahme schütze Grammer vor den Folgen der derzeitigen Zollpolitik der USA. "Wir sind für mögliche Entwicklungen, die sich dort ergeben, wahrscheinlich sehr gut gerüstet."

Positiv sieht Müller auch die aktuelle Entwicklung im Automobilsektor: Automobilität und Elektrifizierung bergen seiner Meinung nach riesige Chancen für den Automobilzulieferer Grammer. Der Innenraum werde künftig noch mehr Komfortzone, orakelte Müller. Aus diesem Grund arbeite Grammer gemeinsam mit einem namhaften Designstudio am Innenraum der Zukunft. "Pure" heißt dieses Projekt, das 2019 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll.

Vehement warb Hartmut Müller auch für die Absicht der chinesischen Ningbo Jifeng, mindestens die Hälfte der Grammer-Aktien übernehmen zu wollen. Die Chinesen hätten sehr weitreichende Zusicherungen hinsichtlich der Beschäftigten, der Standorte und der betrieblichen Mitbestimmung gemacht, sagte Müller. Sowohl Hauptsitz als auch Namen der Grammer AG würden unverändert erhalten bleiben. "Sowohl die IG Metall als auch die bayerische Staatsregierung unterstützen unseren Weg", sagte Müller. Yiping Wang, dem Vorstandsvorsitzenden von Ningbo Jifeng, der gemeinsam mit seinem Sohn der Hauptversammlung beiwohnte, dürfte es gefallen.

Allerdings nicht das, was dann Rechtsanwalt Franz Enderle startete: den Versuch, Versammlungsleiter und Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Probst abzusetzen. Enderle war auch in diesem Jahr der Vertreter der bosnischen Investorenfamilie Hastor, die immer noch einen großen Teil der Grammer-Aktien hält. Hastor will offensichtlich das Angebot der Chinesen nicht annehmen, pro Aktie 60 Euro plus 1,25 Euro Dividendenanteil zu bezahlen. Die Bosnier wollen mindestens 75 Euro haben, allerdings hatte Wang-Sohn Jimin im Interview mit dem "Handelsblatt" unlängst betont, 60 Euro seien das letzte Angebot, einen Aufschlag gebe es nicht.

"Warum soll ein Aktionär seine Anteile verkaufen, wenn das Unternehmen doch so erfolgreich ist?", wies Günther Hausmann von der Aktionsvereinigung DSW auf eventuelle Widersprüche in den Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden Hartmut Müller hin. Hausmann bemängelte auch die angestrebte Investoren-Vereinbarung mit Ningbo Jifeng. Andere deutsche Unternehmen würden sehr erfolgreich auf Joint-Venture-Basis mit chinesischen Unternehmen arbeiten und damit ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben. Außerdem frage er sich, warum jemand seine Aktie für 61,25 Euro an die Chinesen verkaufen solle, wenn er doch aktuell an der Börse bis zu 66 Euro dafür erzielen könne.

Vonseiten des Betriebsrats gab während der Hauptversammlung Nicole Schobert zu verstehen, dass das Gremium und sie persönlich der Übernahme durch Ningbo Jifeng grundsätzlich positiv gegenüberstehen. "Ningbo Jifeng stand uns in einer bedrohlichen Situation zur Seite", sagte Schobert. Und die Chinesen hätten ja große Zugeständnisse hinsichtlich der jetzigen Firmenstruktur gemacht. "Die Prevent-Gruppe hatte damals keine Zusicherungen gemacht."

Dem widersprach umgehend Hastor-Vertreter Franz Enderle: "Es gab damals eine Beschäftigungsgarantie für alle inländischen Arbeitnehmer." Offenbar sei diese Tatsache den Beschäftigten aber vom Vorstand vorenthalten worden. Enderle verwies darauf, dass der Vorstand mit dem Schüren der Angst vor möglichen Entlassungen durch die Investoren Hastor im vergangenen Jahr einen großen Erfolg bei den Beschäftigten gehabt habe. "Jetzt verkaufen Sie uns eine Übernahme mit schwersten Verfehlungen in der Vertragsgestaltung als Erfolg."

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Andreas Ascherl
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Veröffentlicht am:
13. 06. 2018
20:16 Uhr

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Andreas Ascherl

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Veröffentlicht am:
13. 06. 2018
20:16 Uhr



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