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Wirtschaft

Plastik - großes Problem oder Teil der Lösung?

Kunststoffhersteller sind Umweltsünder - davon ist derzeit die öffentliche Diskussion geprägt. Peter Griebel, Geschäftsführer der Firma Verpa, kämpft gegen das schlechte Image.



Geschäftsführer Peter Griebel (rechts) und Benjamin Blum, Spezialist für die Arbeitsvorbereitung, verweisen auf die ressourcenschonende Produktion der Kunststofffolien bei Verpa.	Foto: Michael Ertel
Geschäftsführer Peter Griebel (rechts) und Benjamin Blum, Spezialist für die Arbeitsvorbereitung, verweisen auf die ressourcenschonende Produktion der Kunststofffolien bei Verpa. Foto: Michael Ertel  

Weidhausen - "So, jetzt möchte ich schon mal wissen, was wir da eigentlich machen. Was wird aus unserem Gespräch?" Nach einer Viertelstunde kommt das Misstrauen zurück. Zuvor hat Peter Griebel leidenschaftlich erzählt, wie sich sein Unternehmen seit Jahrzehnten bemüht, Kunststofffolien ressourcen- und umweltschonend zu produzieren.

Das Unternehmen

Die Verpa GmbH wurde 1979 als Handelsbetrieb von Joachim Baumann gegründet, damals schon unterstützt vom heutigen Geschäftsführer Peter Griebel. Die Firma fertigt Flachfolien, Schlauchfolien, Beutel, Säcke und Hauben aus dem Rohstoff Polyethylen (PE). Zu den Kunden zählen unter anderem die Lebensmittelindustrie ebenso wie Hersteller und Zulieferer in der Möbel-, Elektronik-, Automobil-, Druck- und Bauindustrie. Hauptsitz des Unternehmens ist in Weidhausen im Landkreis Coburg. Das Unternehmen hat derzeit 450 Beschäftigte und betreibt weitere Standorte in Gunzenhausen sowie in Miekinia (Polen) und Kearney (USA).

Der Geschäftsführer reiht Argument an Argument, erklärt die Praxis in seinem Betrieb. Das Wort Nachhaltigkeit kommt ihm beständig über die Lippen - denn der Branche bläst angesichts der bekannten Bilder schwimmender T eppiche aus Kunststoffresten in den Weltmeeren oder gigantischer Plastikmüllberge in Südostasien in der Öffentlichkeit ein scharfer Wind ins Gesicht. Die Schelte von Gesellschaft und Medien und nicht zuletzt einer laut gewordenen Umweltbewegung machen ihn zum Sturm, die Debatten über Sinn und Schaden von Kunststoffen zwingen die Produzenten auf Rechtfertigungskurs in schmaler Fahrrinne.

 

Unbestritten ist: Die Kunststoffindustrie erlebt seit Jahrzehnten einen gigantischen Boom. Wurden in den 1950er-Jahren weltweit etwa 1,5 Millionen Tonnen Kunststoff jährlich hergestellt, waren es 2016 bereits 348 Millionen Tonnen. Die Produktionsmenge hat sich damit um das 230-Fache erhöht. Das Umweltbundesamt geht in den nächsten Jahren von weiteren Steigerungen aus. Doch nicht jeder produzierte Kunststoff wird automatisch zum Abfallproblem: Gerade die stabilen Produkte, die als Formteile und feste Stoffe in der Automobil-, Elektro- und Bauindustrie eingesetzt werden, lassen sich in der Regel nach einer langen Lebensdauer in einem funktionierenden Wertstoffsystem gut erfassen und umweltgerecht entsorgen oder wiederverwerten. Schwieriger wird es hingegen bei Plastikverpackungen: Ihre Lebensdauer gibt das Umweltbundesamt mit "wenigen Minuten bis Monaten" an. Das heißt: Das Risiko, dass sie nach ihrem Gebrauch als achtlos weggeworfener Müll in der Natur landen, ist besonders hoch. Und immerhin liegt ihr Anteil an der in Deutschland produzierten Kunststoffmenge - 2017 waren es 14,4 Millionen Tonnen - bei 30,5 Prozent, wie der Branchenverband Plastics Europe Deutschland angibt.

Auch ein mittelständisches Unternehmen wie Verpa, das seit 40 Jahren Folien überwiegend für den Verpackungsbereich herstellt, sieht sich einem Dauerbeschuss an Kritik ausgesetzt. Da heißt es, mit den branchenspezifischen Fakten und dem, was man selbst täglich in den Werkhallen tut, dagegenzuhalten. Erstens: "Wir haben in Deutschland eine Verwertungsquote von Kunststoff von über 99 Prozent", sagt Peter Griebel. "Da sind wir hervorragend organisiert."

Ganz genau sind es 99,2 Prozent, wie das Umweltbundesamt und der Kunststoffverband Plastics Europe übereinstimmend beziffern. Das bedeutet zunächst: Dieser Anteil am gesamten deutschen Kunststoffabfall von jährlich 6,15 Millionen Tonnen wird nach Einschätzung des Bundesumweltamtes durch die Wertstoffsysteme wie beispielsweise das Duale System erfasst. Was passiert danach? 46,7 Prozent werden erneut als Rohstoff für die Kunststoffproduktion eingesetzt, 52,7 Prozent energetisch - also in Müllheizkraftwerken oder als Ersatzbrennstoff - verwertet. Auf der Deponie landen nur noch 0,6 Prozent der Kunststoffabfälle. Peter Griebel stellt fest: "Daran sieht man, dass es bei uns einen funktionierenden Wertstoffkreislauf gibt und die gewonnenen Materialien für neue Produkte eingesetzt werden." Deutschland liege mit seiner Recyclingquote europaweit an der Spitze.

Zweitens: "Wir wollen Verpackungen, die Ressourcen sparen, indem wir immer weniger Material bei der Produktion einsetzen." Das ist die eigene Leistung des Unternehmens. Und die betont der Geschäftsführer ausdrücklich. Seit 40 Jahren produziere Verpa seine Folien aus Polyethylen (PE) - und seit diesem Zeitpunkt setze man sukzessive immer weniger Rohstoffe ein. So sei es gelungen, die Dicke der Folien um bis zu 50 Prozent zu reduzieren. "Was früher mit einer 0,05 Millimeter dicken Folie ging, das schaffen wir jetzt auch mit 0,03 Millimeter." Das bedeutet: Die Folien sind dünner geworden, verfügen aber über die gleiche Reiß- und Zugfestigkeit. Beispiel: ein Gebinde mit sechs 1,5-Liter-Flaschen Wasser im Supermarkt. "Die Folie wiegt nur 8,7 Gramm, trägt aber neun Kilo Wasser."

Benjamin Blum, junger Spezialist für die technischen Prozesse, springt seinem Geschäftsführer bei. "Wir benötigen weniger Rohstoff und reduzieren dadurch den Verbrauch von Erdöl, das ja für die Herstellung von Polyethylen benötigt wird. Und unsere Kunden können die gleiche Menge an Verbrauchsgütern mit einer dünneren Folie einpacken, die gleichzeitig den schnellen Geschwindigkeiten der Verpackungsmaschinen standhält." In der Summe lässt sich der geringere Rohstoff-einsatz durch das Gewicht der von Verpa produzierten Folien beziffern. Blum: "Früher wogen sie 100 000 Tonnen pro Jahr. Heute liegen wir bei 60 000 Tonnen. Wir sparen also jährlich 40 000 Tonnen Material ein."

Drittens: "Wir setzen immer mehr Rezyklat ein. Das ist bei uns der nächste große Trend." Peter Griebel meint damit den Einsatz von recyceltem Rohstoff. Dies sei keine leichte Aufgabe, da es materialtechnisch schwierig umzusetzen sei, mit dem Recyclingrohstoff die gleichen Leistungsdaten für die Folien zu erreichen wie ohne deren Einsatz. "Aber unsere Entwicklungsabteilung forscht intensiv an neuen Materialmischungen." Mittlerweile forderten auch manche Kunden einen gewissen Recyclinganteil, aber andererseits dürfe der Preis der Folie nicht teurer werden. "Da müssen wir die Preis- und die Leistungsanforderungen in Einklang bringen", ergänzt Benjamin Blum.

Viertens: "Kunststofffolien sind die Grundlage für Nachhaltigkeit im Lebensmittelbereich." Ob Gemüse, Obst oder Fleisch - Folien würden dazu beitragen, dass weniger Lebensmittel schon vor ihrem Verzehr verderben. "Wenn man keine Folien mehr einsetzen würde, dann wäre die Mindesthaltbarkeit immens verkürzt und wir hätten sicherlich nicht mehr die Optik, wie wir sie seit Jahren gewohnt sind", betont Benjamin Blum. Auch wenn eine neue, gut informierte Generation an Jugendlichen heranwachse - nicht zuletzt durch den Greta-Effekt: "Aber eine geschrumpelte Gurke, die man allein wegen ihres Aussehens für schlecht oder verfault hält, werden auch die jungen Leute im Supermarkt liegen lassen." Das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg stützt die Nachhaltigkeits-These: "Der Lebensmittelverlust wäre in der Regel immer umweltschädlicher als die Verpackung." Und diese ist schließlich das Mittel, um Produkte zum Konsumenten zu bringen und die Haltbarkeit zu verlängern. "Wir stellen Folien her, die einen Nutzen haben", ist Peter Griebel überzeugt.

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Michael Ertel
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Veröffentlicht am:
02. 08. 2019
21:06 Uhr

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Autor

Michael Ertel

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Veröffentlicht am:
02. 08. 2019
21:06 Uhr



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