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Wirtschaft

"Wir sägen ohne Not am Wohlstands-Ast"

Am Samstag wollen in Berlin Zehntausende Beschäftigte der Automobilzulieferer demonstrieren. Bosch- Aufsichtsrat Gutmann sieht diese in großer Sorge.



Im Bamberger Bosch-Werk produzieren 7300 Mitarbeiter Teile für Verbrennungsmotoren. Foto: Ralf Grömminger/Bosch
Im Bamberger Bosch-Werk produzieren 7300 Mitarbeiter Teile für Verbrennungsmotoren. Foto: Ralf Grömminger/Bosch   » zu den Bildern

Bamberg - Die IG Metall bläst zum Protest: 1800 Mitglieder aus der Region Bamberg, davon 1600 Bosch-Beschäftigte samt Familienangehörigen, fahren am morgigen Samstag nach Berlin zu einer Großdemonstration, zu der laut Bamberger IG Metall 60 000 bis 80 000 Teilnehmer erwartet werden. Das Thema: "#FairWandel". Es geht um E-Auto und Verbrenner, um den Wandel der Mobilität.

Rund 200 bis 250 Demonstranten sollen von Brose, Wieland, FTE Valeo aus Ebern, den beiden Schaeffler-Werken aus Höchstadt und Hirschaid, von CML Grupo Antolin und Firmen aus der Fränkischen Schweiz kommen. Laut IG Metall liegen Meldungen für rund 35 Busse vor. Hauptmotto: "Beschäftigte brauchen Sicherheit und Perspektiven in der Transformation". Im Vorfeld der Großdemo fragten wir bei Bosch-Aufsichtsrat Mario Gutmann nach, der Betriebsratsvorsitzender im Bamberger Bosch-Werk ist.

 

Das E-Auto wird in den kommenden Jahren mehr und mehr den Verbrenner ersetzen. Im Bamberger Bosch-Werk produzieren 7300 Beschäftigte Teile für Verbrenner. Wird es einen großen Job-Abbau geben?

Es werden definitiv Arbeitsplätze in der gesamten Region Bamberg verloren gehen. Schon heute verlieren wir nur bei Bosch in Bamberg zwischen 200 bis 300 Arbeitsplätze aufgrund bestehender Fluktuation, also ohne eine einzige betriebsbedingte Kündigung. Diese werden nicht nachbesetzt, und so werden wir in den nächsten zehn Jahren rund 2500 Arbeitsplätze dauerhaft für die Region verlieren. Das ist ein Sterben auf Raten!

 

Das E-Auto braucht weniger Beschäftigte?

Der Faktor für die Beschäftigung innerhalb des Verbrenners im Vergleich zum E-Auto beträgt 10:1, das bedeutet, dass von heute zehn Industriearbeitsplätzen nur einer übrig bleibt. Aufgrund schon heute fehlender Stückzahlen haben wir im Moment für rund tausend Kolleginnen und Kollegen keine Beschäftigung. Daher bietet Bosch Bamberg Aufhebungsverträge auf freiwilliger Basis für alle Mitarbeiter an.

 

Fährt die Politik in die falsche Richtung?

Ein klares Ja, da ausschließlich und einseitig auf Elektrifizierung gesetzt wird. Aus heutiger Sicht weiß keiner, welche Antriebsform zielführend ist. Das Ganze ist eine Wette auf die Zukunft, wir setzen unsere Schlüsselindustrie mit Hundertausenden von gut bezahlten Industriearbeitsplätzen aufs Spiel.

 

Was muss jetzt passieren?

Wir müssen technologieoffen sein, und wir brauchen Zeit, um uns auf diese Herausforderung der Transformation ausrichten zu können. Vonseiten der Politik müssen die Automobilhersteller verpflichtet werden, bestehende Dieselfahrzeuge kostenfrei in der Hardware nachzurüsten, was ohne Weiteres möglich ist. Nur macht das aus kaufmännischer Sicht keinen Sinn, wenn man neue Modelle an den Mann bringen will. Das "Alte" wird schlechtgeredet um das "Neue" zu verkaufen.

 

Was muss noch passieren?

Es müssen Subventionen in neue Antriebsformen fliesen, die CO2-neutral sind, wie die Brennstoffzelle, synthetische Kraftstoffe für den heutigen Verbrenner und Festkörperbatterien, die ohne seltene Erden wie Lithium und Kobalt auskommen. Wir brauchen mehr Transparenz und eine offene, aber faire Diskussion zu unseren Klimazielen und wie wir diese gemeinsam erreichen, ohne dass ein flächendeckender Verlust an Industriearbeitsplätzen die Folge ist.

 

Bamberg erprobt die Herstellung stationärer Brennstoffzellen. Ein Projekt mit guten Chancen?

Bamberg ist als Leitwerk für die Vorindustrialisierung der stationären Brennstoffzelle gesetzt, darüber bin ich persönlich sehr froh und dankbar. Die stationäre Brennstoffzelle ist für uns das erste Produkt außerhalb von Automotive. Ein Produkt mit riesigem Potenzial und guten Chancen, da eine Vielfalt von Anwendungen in der Industrie aber auch im privaten Bereich zur Verfügung steht. Ein autarker Energiespeicher, der dezentral und unabhängig Wasserstoff oder Erdgas in Strom verwandelt - und das Ganze CO2-neutral. Ein Produkt mit Zukunft.

 

Bosch könnte künftig in Bamberg Teile für E-Autos produzieren?

Bosch in Bamberg kann alles, man muss uns nur machen lassen. Bei Bosch gibt es kein vergleichbares Fertigungswerk wie Bamberg. Mit unseren bestehenden Kompetenzen, dem weltweit größten Musterbau und Sondermaschinenbau sind wir in der Lage, alles zu industrialisieren.

 

In Oberfranken hängen rund 40.000 Arbeitsplätze vom Auto ab. Droht den oberfränkischen Zulieferern der Kahlschlag?

Wenn es mit der bestehenden Geschwindigkeit und nicht technologieoffen weitergeht, ist der Kahlschlag nicht nur in Oberfranken bei den Zulieferern, sondern deutschlandweit bei den Zulieferern und allen Automobilherstellern zu erwarten. In Summe reden wir über mehr als 400 000 direkt betroffene Industriearbeitsplätze in Deutschland. Wir sägen ohne Not am Wohlstands-Ast, auf dem wir sitzen, und wundern uns, wenn wir auf die Nase fallen.

 

Was halten Sie ganz persönlich vom E-Auto?

Das heutige E-Auto mit der bestehenden Lithiumbatterie kann und wird nicht die Lösung sein, weder unter Berücksichtigung des ganzheitlichen CO2-Ausstoßes noch von den seltenen Erden. Wir haben es in der Vergangenheit versäumt, rechtzeitig alternative Antriebe wie Brennstoffzellen oder synthetische Brennstoffe (E-Fuels) zu entwickeln. Da ein heutiges E-Auto in den Flottenzielen der Automobilhersteller mit null CO2 in die Berechnung einfließt, gleicht dies einem Ablassbrief aus vergangen Zeiten.

 

Was meinen Sie damit konkret?

Zum Verständnis: Pro Gramm Abweichung von der Vorgabe der Flottenziele aus Brüssel, ist für jedes neu zugelassene Fahrzeug ab 2021 eine Strafzahlung von 95 Euro fällig. Das entspricht einer Strafzahlung von rund 34 Milliarden Euro an Brüssel und ist der einzige Grund, warum alle Automobilhersteller auf heutige E-Autos setzen.

 

Ist das E-Auto gut für die Umwelt?

Wer glaubt, mit einem E-Auto etwas Gutes für die Umwelt und den Klimaschutz beizutragen, den muss ich leider enttäuschen. Das Gegenteil ist unter Beachtung der gesamten CO2-Bilanz der Fall. Die Gewinner sind die Automobilhersteller: Sie vermeiden Strafzahlungen in Milliardenhöhe und verkaufen parallel mehr neue E-Autos, die von der Regierung auch noch mit Kaufprämien gefördert werden. Wir Deutschen sind schon ein komisches Volk, oder?

 

Sie werden noch lange Verbrenner fahren?

Ich persönlich fahre Diesel aus Überzeugung. Der Diesel ist immer noch die beste bestehende Antriebsform mit viel Potenzial, um noch besser zu werden.

 

Wie sieht die Zukunft aus?

Ohne Verbrenner wird es auch in der Zukunft nicht gehen. Wir werden den Verbrenner noch viele Jahre als Übergangstechnologie haben und erfolgreich weiterentwickeln. Es gibt in der Zukunft einen Mix aus Verbrennern, Hybriden, synthetischen Brennstoffen, Brennstoffzellen und Festkörperzellen, also Batterien. Am Ende entscheidet aber mit Sicherheit der Markt und somit der Verbraucher, was der jeweils richtige, individuelle Antrieb ist.

 

Autor

Roland Töpfer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
27. 06. 2019
19:44 Uhr

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Roland Töpfer

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27. 06. 2019
19:44 Uhr



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