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Nowitzki: «Unsere nahe Zukunft liegt erstmal in Amerika»

Vor einem halben Jahr ist Basketball-Superstar Dirk Nowitzki abgetreten. Im dpa-Interview spricht er über seinen tränenreichen Abschied und die Liebe seiner Fans. Außerdem geht es um verpasste Chancen und Vorbilder jenseits des Basketballfelds.



Dirk Nowitzki
Stellte in Frankfurt das Buch «The Great Nowitzki» vor: Dirk Nowitzki.   Foto: Silas Stein/dpa

Dirk Nowitzki ist ganz gelassen. Vor sechs Monaten beendete der Basketball-Superstar seine Ausnahme-Karriere. Seitdem hat er vor allem die Beine hochgelegt und sich gegönnt, einfach mal nichts zu tun.

Ein paar Termine gilt es dann aber doch zu erfüllen: Am Rande der Frankfurter Buchmesse stellt der gebürtige Würzburger die Biografie «The Great Nowitzki» vor. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der 41-Jährige über seinen emotionalen Abschied, Zukunftspläne und Literatur. Und er erklärt, warum seine Kinder ein Football-Verbot haben.

Am Dienstag startet die neue NBA-Saison, Sie sind erstmals nach 21 Jahren nicht dabei. Werden Sie möglichst viele Spiele anschauen oder nehmen Sie jetzt bewusst etwas Abstand?

Dirk Nowitzki: So ein bisschen beides. Ich will etwas Abstand gewinnen, aber ich kann ja nicht von heute auf morgen sagen, das interessiert mich nicht mehr. Ich habe teilweise Freunde in der Führungsetage, in der Mannschaft oder im Staff, der mir 20 Jahre geholfen hat. Ich werde immer mit Herzblut dabei sein, aber ich werde nicht zu jedem Spiel hinrennen.

Was werden Sie stattdessen machen?

Nowitzki: Eigentlich ist schon geplant zu reisen, damit ich nicht nur in Dallas vor dem Fernseher sitze und sage: ich vermisse das und wäre jetzt gerne in der Halle. Ich will aktiv bleiben und Sachen mit den Kids erleben.

Im Buch heißt es: Ein Sportler stirbt zweimal, am Ende der Karriere und am Lebensende. Wie schmerzvoll war der Abschied für Sie?

Nowitzki: Es hat sich schon Wochen vorher abgezeichnet, dass es nicht mehr geht, dass der Körper nicht mehr mitspielt. Mit Schmerzen zu trainieren und zu spielen, hat mir den Spaß genommen. In dem Bewusstsein, dass es das jetzt war für mich, waren die letzten Wochen sehr extrem und emotional. Ich habe immer versucht, mich aufs nächste Spiel zu konzentrieren und Spaß zu haben an allem - ob auf einer Auswärtsfahrt, im Flieger oder in der Umkleide mit den Jungs. Ich habe alles versucht, real wahrzunehmen, weil ich wusste, ich werde es irgendwann vermissen. Und die letzte Woche war nochmal der Hammer, das letzte Heimspiel werde ich nie vergessen. Und das Auswärtsspiel in San Antonio, wo ich wegen eines Videos weinen musste.

Wie gehen Sie eigentlich damit um, dass Sie Fans so viel bedeuten, die Sie vielleicht gar nicht wirklich kennen?

Nowitzki: Das ist schon ein komisches Gefühl, so viel Liebe entgegen gestreckt zu bekommen. (...) In der letzten Woche habe ich ein paar Reportagen gesehen oder Reaktionen auf Twitter. Da waren Frauen und ältere Männer, die geweint haben, weil ich mit Basketball aufhöre - das war für mich natürlich schon auch bewegend und berührend.

Sehen diese Leute eine Kunstfigur oder den richtigen Dirk Nowitzki?

Nowitzki: Sportstars oder Rockstars werden natürlich auf irgendein Podest gestellt. Und nicht viele Fans haben die Chance, ihre Idole zu treffen. Aber ich habe versucht, so publikumsnah zu sein, wie es geht. Mich in Dallas zu bewegen und für die Fans greifbar zu sein. Das war mir schon auch wichtig, weil die Leute in Texas mich so super aufgenommen haben. Zumal es in meinem ersten Jahr nicht so lief und sie mich trotzdem unterstützt haben. Die wollten wirklich, dass der schüchterne Junge, der kaum Englisch spricht, dass der sich wohlfühlt und sich durchsetzt.

Diese spezielle Methode, die Ihr Mentor Holger Geschwindner Ihnen beigebracht - oder die sie zusammen erarbeitet haben. Haben Sie vor, diese Technik an ein Talent der nächsten Generation weiterzugeben? Oder ist das nicht wiederholbar?

Nowitzki: So ein bisschen beides. Klar war Holger ein guter Spieler. Aber seine Stärke ist auch, dass er das übertragen und lehren kann. Weil er gecheckt hat, was er da macht und so viel Erfahrung im Leben hat. Ob ich das kann, weiß ich nicht. Das ist nicht leicht.

Können Sie sich vorstellen, wieder in Deutschland - oder zumindest in Europa - zu leben? Ihre Frau kommt ja aus Schweden...

Nowitzki: Nee, im Moment nicht. Unsere nahe Zukunft liegt erstmal in Amerika. Die Kids sind alle da geboren und fangen an, dort in die Schule zu gehen. Ich bin 20 Jahre da, meine Frau 15 Jahre. Wir haben unser Netzwerk. Sie hat in der Kunstwelt gearbeitet und ich habe mein Basketball-Netzwerk. Und es liegt ja auch nahe, dass ich mit den Mavs irgendwas mache und wir da zusammenarbeiten.

Gibt es da schon konkrete Pläne? Ihnen stehen ja alle Türen offen.

Nowitzki: Nein. Ich habe gesagt, lass uns gerne zusammensetzen dieses Jahr. Aber lasst mich erst mal machen, lasst mich rumreisen und die Kinder genießen. Und dann werden wir schon irgendetwas finden.

Sie haben in der Mannschaft einen Buchclub gegründet. Was bedeutet Ihnen Literatur?

Nowitzki: In der Schule wird einem der Spaß am Lesen ein bisschen ausgetrieben. Holger hat dann versucht - ohne dass ich das wirklich gecheckt habe - dass ich was lerne, dass ich mir die Liebe am Lesen wieder hole. An Weihnachten und am Geburtstag gab es von ihm immer Bücher, um mich anzustoßen, über dieses und jenes nachzudenken. Mittlerweile lese ich sehr gerne, auch wenn ich kein schneller Leser bin. Und mit 20 hätte ich natürlich nie gedacht, dass ich mal einen Buchclub in der Mannschaft haben werde. Aber wir kamen mit ein paar Kollegen auf die Idee: Es wäre doch witzig, wenn wir alle mal das gleiche Buch lesen und uns darüber unterhalten, wenn wir zum Beispiel eh zusammen im Flieger sitzen.

Sie haben als Basketballer alles erreicht, gibt es dennoch rückblickend Entscheidungen, die Sie bereuen?

Nowitzki: Ich hätte natürlich gerne noch eine Meisterschaft gewonnen oder besser abgeschnitten in Peking (bei den Olympischen Spielen). Oder in den Playoffs besser gespielt oder ich habe die 2006-Finals ungern verloren. Aber hätte ich 2006 die Meisterschaft gewonnen, weiß ich nicht, ob ich danach noch den Biss gehabt hätte. Letztendlich haben mir die ganzen Enttäuschungen, die ich durchgemacht habe, geholfen, 2011 zu gewinnen. Sie haben mich dort hingetrieben, mich motiviert und immer wieder inspiriert.

Wer sind Ihre Vorbilder außerhalb des Basketballs?

Nowitzki: Früher war ich ein riesiger Tennisfan. Steffi Graf und Boris Becker waren die ersten, die ich bewundert habe. Ich bin sogar zum Friseur gelaufen und habe gesagt: Ich will die Haare wie Boris Becker. Aber sie haben sie nicht rotgefärbt (lacht). Zumindest bin ich da weg und habe gedacht, ich bin jetzt Boris Becker. Meine Eltern, mein Vater und meine Mutter waren auch Vorbilder, weil sie beide super Sportkarrieren hingelegt haben.

Wenn Ihre Kinder Basketball-Profis werden wollen, würden Sie das unterstützen?

Nowitzki: Ja, das würde ich. Das einzige was sie nicht machen dürfen, wäre American Football. Da habe ich Respekt vor, was da los ist mit Kopfverletzungen. Alles andere mache ich so, wie meine Eltern, die haben mich auch bei allem unterstützt. Meine Tochter macht Ballett, also fahren wir sie zum Ballett. Aber es gilt auch: Wenn du dich für etwas entscheidest, dann mach das gescheit. Nicht alles ein bisschen und nichts richtig.

ZUR PERSON: Dirk Nowitzki (41) gehört zu den bedeutendsten deutschen Sportlern. Er spielte seit 1998 bei den Dallas Mavericks, mit denen er 2011 die Meisterschaft holte. Als erster NBA-Spieler absolvierte er 21 Saisons hintereinander im gleichen Team. Zudem zählt der gebürtige Würzburger zu den sechs erfolgreichsten Korbjägern der NBA-Geschichte. Mit der deutschen Nationalmannschaft gewann Nowitzki WM-Bronze 2002 und EM-Silber 2005. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Texas.

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18. 10. 2019
08:28 Uhr

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dpa

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18. 10. 2019
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