Neue Behandlungsansätze Mit elektromagnetischen Impulsen gegen die Depression

Mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland erkranken innerhalb eines Jahres an einer Depression. Vielen helfen Antidepressiva, aber es werden auch andere Behandlungsmethoden erforscht. Foto: dpa/Peter Steffen

Bis zu 20 Prozent der Menschen mit Depression gelten als therapieresistent. Forscher untersuchen daher, wie wirksam andere Behandlungsmethoden sind, etwa die Hirnstimulation. Im Interview erklärt ein Facharzt, was bei Depressionen im Gehirn anders ist – und wie sich das verändern lässt.

Tübingen - Depressionen sind weit verbreitet, mehr als fünf Millionen Erwachsene erkranken in Deutschland im Laufe eines Jahres daran. Behandelt werden sie häufig mit einer Kombination aus Antidepressiva und Psychotherapie. Doch etwa zehn bis zwanzig Prozent der Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, gelten als therapieresistent: Der klassische Behandlungsansatz wirkt bei ihnen nicht oder nicht so gut. Am Universitätsklinikum Tübingen forscht Christian Plawnia, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, an alternativen Behandlungsansätzen.

Herr Plewnia, Sie untersuchen in Studien, welche Behandlungsansätze Menschen mit Depressionen helfen können. Weil Medikamente allein nicht immer helfen?

Medikamente sind wichtig, mit ihrer Hilfe sind Depressionen heute gut behandelbar. Sie bilden – in Kombination mit Psychotherapie – die Basis der Behandlung. Aber Medikamente haben Nebenwirkungen, und nicht jeder verträgt Antidepressiva auf Dauer. Es gab in diesem Bereich in den vergangenen Jahrzehnten auch wenig Entwicklung. Einige Patienten gelten zudem als therapieresistent. Es wird daher zunehmend wichtiger, die Behandlung zu individualisieren und Patienten stärker über die Methode mitentscheiden zu lassen. Je größer die Vielfalt an Methoden, je mehr unterschiedliche Mechanismen uns zur Verfügung stehen, desto größer die Chance auf einen Behandlungserfolg.

Erforscht werden Methoden, mit deren Hilfe Netzwerke im Gehirn stimuliert werden sollen, etwa durch elektromagnetische Impulse.

Die Hirnstimulation entwickelt sich zu einer wichtigen Säule der Behandlung von Depressionen. Ein Aspekt bei Depressionen ist nämlich die unterschiedliche Aktivität der Hirnnetzwerke. Wer eine Depression hat, fühlt sich überschwemmt von negativen Eindrücken, bekommt diese negativen Eindrücke schlecht unter Kontrolle. Das liegt unter anderem daran, dass Bereiche im Stirnhirn, die Gefühle und Gedanken lenken, weniger aktiv sind. Gleichzeitig aber ist die Amygdala überaktiv und wird nicht reguliert, wodurch dann das Stress- und Angstsystem dauerhaft aktiviert ist. Es fehlt da die Balance zwischen den Hirnarealen.

Sie wenden in Tübingen ein Verfahren an, das sich Transkranielle Magnetstimulation nennt, kurz TMS. Was passiert da?

Die Stimulation hat einen sehr gezielten Einfluss auf die Aktivität der Hirnareale. Die Nervenzellen in der Hirnrinde werden durch die Impulse schonend beeinflusst. Dadurch kommt die Aktivität der Hirnbereiche wieder in die Balance.

Bislang wird eine solche Behandlung aber standardmäßig nicht von der Krankenkasse bezahlt.

Wir führen gerade eine große, kontrollierte, klinische Studie zu einer weiterentwickelten Form der TMS mit 236 Patienten durch. Die Teilnehmer bekommen sechs Wochen lang täglich eine Stimulation. An der Studie sind, neben Tübingen, sechs weitere Unikliniken beteiligt. Sie soll dazu führen, dass die Methode in die Leitlinien aufgenommen und dann als Kassenleistung anerkannt wird.

Lassen sich die beeinträchtigten Hirnareale auch anders stimulieren?

Im Grunde geht es darum, dass die Patienten wieder die Kontrolle über negative Informationen haben, dass sie aufhören zu grübeln. Zu einem gewissen Grad lässt sich das auch über kognitive Trainings erreichen. Wir haben dafür eine App entwickelt, mit der die Betroffenen die kognitive Kontrolle spielerisch trainieren können. In einer aktuellen Studie haben wir herausgefunden, dass das die depressive Symptomatik reduzieren kann. Inwieweit dieser Ansatz für die Routinebehandlung geeignet ist, untersuchen wir gerade.

 

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