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Kronach

Empört über "nackte Tatsachen"

Eine Werbe-Kampagne von Netto sorgt für Protest. Sexistisch oder antiquiert sind nur zwei der Vorwürfe, die sich der Discounter gefallen lassen muss.



Deutliche Daumen-nach-unten-Geste für die Werbe-Kampagne von Netto (von links): Ursula Eberle-Berlips, Cornelie Vormbrock, Kerstin Schmidt-Müller, Ingrid Neder-Guth, Petra Zenkel-Schirmer und Martina Zwosta.   Foto: Bianca Hennings » zu den Bildern

Küps - Weniger ist mehr. Doch der Discounter Netto scheint das falsch verstanden zu haben. Da ist sich die Vorsitzende der Frauenlisten-Kreistagsfraktion, Petra Zenkel-Schirmer, sicher. Angesichts der aktuellen Werbeaktion des Einkaufmarkts schüttelt sie nur noch mit dem Kopf: Netto wirbt für unverpacktes Obst und Gemüse. Eigentlich eine gute Sache. Doch in der Kampagne sind nackte Models zu sehen, die sich plastikfreie Paprika, Äpfel oder Salatköpfe vor jene Körperstellen halten, die Männer und Frauen voneinander unterscheiden - begleitet vom Slogan: "Nackte Tatsache".

Werberat am Zug

Ob die Anzeigen-Kampagne von Netto tatsächlich sexistisch und unzulässig ist, damit muss sich der Deutsche Werberat momentan befassen. Laut BR24 liegen dem Gremium rund 90 Beschwerden gegen die Werbemaßnahme vor. Zieht Netto die Anzeigen nicht zurück, könnte sich das Unternehmen im schlimmsten Fall eine Rüge des Organs einhandeln. Der Deutsche Werberat hat Netto laut BR24 inzwischen zu einer Stellungnahme aufgefordert. Der Werberat wartet nun die Stellungnahme des Discounters bis zum Ende der Woche ab. Zieht er die Kampagne zurück, lässt der Werberat die Beschwerde fallen. Ansonsten muss das Werberats-Gremium entscheiden, ob die Kampagne zulässig ist oder nicht.

"Wenn jemandem gar nichts mehr einfällt, dann zeigt er nackte Haut", ärgert sich Petra Zenkel-Schirmer über diese Werbung, die seit Montag im ganzen Bundesgebiet gezeigt wird. Auch an der B 173 in Küps hängt ein entsprechendes Plakat. Dort treffen sich am Mittwoch Frauen aus verschiedenen Parteien, um ihren Unmut über die Kampagne deutlich zu machen. Mit einer unmissverständlichen Geste stehen sie vor dem Schild: Daumen nach unten - besser kann man ihre Stimmung nicht zusammenfassen. Dabei sei es schade, dass das eigentlich positive Ansinnen des Discounters, auf Plastik-Verpackung verzichten zu wollen, so "verkauft" werde, meint Kerstin Schmidt-Müller (SPD): "Als Kunde fühle ich mich von dieser Werbung nicht angezogen, sondern einfach nur abgestoßen."

Für Ursula Eberle-Berlips (Frauen-Union) werde hier das lebenswichtige Thema "Klimaschutz" mit Sexismus verknüpft. Das sehen viele Nutzer von Twitter und Facebook ähnlich. Doch diesen Vorwurf hat man bei Netto wohl vorhergesehen. So ziert auch ein Mann im Adamskostüm die Prospekte - wenn auch nur im Innenteil, während einem die nackten Tatsachen des weiblichen Models schon auf der ersten Seite ins Auge springen. "Dass man auch den Männern an die Wäsche geht, schafft meiner Ansicht nach keinen Ausgleich", meint die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Kronach, Lisa Gratzke. Im Jahr 2019 überhaupt noch mit Nacktheit Werbung machen zu müssen, sei fragwürdig. Laut Ursula Eberle-Berlips kursiert im Internet bereits die Geschichte von einem männlichen Netto-Mitarbeiter, der nun schon mehrmals von Kunden angesprochen worden sei, warum er nicht nackt seine Salat-Gurken verkaufen würde.

 

Lesen Sie dazu auch unsere Kommentare:

PRO: Warum der Protest sinnvoll ist >>>

CONTRA: Warum der Protest nicht sinnvoll ist >>>

 

Bei Netto scheint man die Aufregung nicht ganz zu verstehen. "Wir gehen dem Verpackungsmüll in der Obst- und Gemüseabteilung mit ‚nackten Tatsachen’ an den Kragen: Seit dem 14. Oktober zeigt Netto für zwei Wochen mit unserer Unverpackt-Kampagne auf humorvolle, polarisierende Art, wieso weniger manchmal mehr ist: Weniger Hülle bedeutet in der Obst- und Gemüseauswahl weniger Plastikmüll", teilt Christina Stylianou, Leiterin Unternehmenskommunikation von Netto Marken-Discount, auf NP -Nachfrage mit.

Die Hüllen ließen in der Marketingkampagne nun auch die Models fallen. "Bei einem weiblichen und selbstverständlich auch bei einem männlichen Model: Umweltschutz geht jeden an und ist gleichberechtigt", so Stylianou. Ihrer Ansicht nach zeige Netto "mit Witz und einem provokanten Augenzwinkern", warum mehr "Nacktheit" in der Frischeabteilung wichtig sei. Damit mache man auf das gesellschaftlich relevante Thema aufmerksam. Das Thema unverpacktes Obst und Gemüse stehe visuell im Fokus der Kampagne und die Posen der Models seien bewusst humorvoll inszeniert mit einer positiven Wortwahl.

Humorvoll finden die Frauen, die sich am Mittwoch in Küps vor dem Plakat treffen, die Kampagne ganz und gar nicht. Ihnen ist aber auch klar, dass die Strategie der Werbung voll aufgeht. Ursula Eberle-Berlips bringt es auf den Punkt: "Alle reden über den Discounter."

Autor

Bianca Hennings
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Veröffentlicht am:
17. 10. 2019
18:44 Uhr

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Bianca Hennings

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17. 10. 2019
18:44 Uhr



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