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Kronach

Missbrauchsprozess endet mit Haftstrafen

Ein Ehepaar aus dem Kreis Kronach hat sich mehrmals an der Tochter der Frau vergangen. Das Gericht hält die Aussage des Opfers - anders als der Stiefvater - für glaubwürdig.



Wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines schutzbefohlenen Kindes ist ein Ehepaar aus dem Frankenwald verurteilt worden. Symbolfoto: Patrick Pleul / dpa  

Kronach/Coburg - Der Prozess gegen ein Ehepaar aus dem Landkreis Kronach wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes ist am Donnerstagabend mit zwei Schuldsprüchen zu Ende gegangen. Das Landgericht Coburg verurteilte den 54 Jahre alten Mann zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten. Seine 39-jährige Ehefrau muss für zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Die Kammer sah es als erwiesen an, dass sich beide Angeklagte mehrmals an der Tochter der Frau vergangen haben. Zwischen 2014 und 2017 wurde das Mädchen demnach öfters von Mutter und Stiefvater zum Oralverkehr gezwungen. Als die Übergriffe begannen, war das Opfer zwölf Jahre alt.

Schmerzensgeld

Das Landgericht Coburg hat dem Missbrauchsopfer am Donnerstag auch ein Schmerzensgeld in Höhe von 10 000 Euro zugesprochen. Grundlage für die Entscheidung war ein Antrag von Nebenkläger-Vertreter Frank Jungkunz.

 

Wie Richter Stephan Jäger in der Urteilsbegründung ausführte, war der Stiefvater offenbar die treibende Kraft hinter den Übergriffen. Er habe seiner Stieftochter "das Recht genommen, sich sexuell eigenständig zu entwickeln", sagte der Richter. Der Angeklagte habe das Mädchen mehrmals zu Hause oder auch in einem Fall im Führerhaus eines Lastwagens zum Oralverkehr genötigt. Die Mutter habe davon zunächst wohl nichts mitbekommen. Doch es habe generell eine "offene sexuelle Atmosphäre" zwischen den Ehepartnern geherrscht. Im Zuge dessen habe auch die Mutter Schuld auf sich geladen, indem sie ihre Tochter zu gemeinsamen sexuellen Handlungen überredete. Erst, als sich das Opfer traute zu sagen, dass es das nicht mehr will, hörten die Übergriffe zunächst auf. Doch nach einiger Zeit "wollten Sie mehr", warf der Richter dem Angeklagten vor. Daraufhin offenbarte sich das Opfer.

 

Die Kammer hatte keinerlei Zweifel an den Aussagen des Mädchens. "Es gab keine Anhaltspunkte für falsche oder übertriebene Darstellungen", befand der Richter. Damit widersprach er der Darstellung des Angeklagten. Dieser hatte über seinen Anwalt Björn Kleyhauer bis zuletzt versucht, weite Teile der Anschuldigungen in Zweifel zu ziehen. Letztlich erfolglos.

Mit dem Schuldspruch des Landgerichts endete am Donnerstag ein zähes und in weiten Teilen nicht-öffentliches Verfahren, in dem es mehrere Wendungen gab. Während zunächst beide Angeklagten keine Angaben zur Sache machen wollten, deutete der Stiefvater zwischenzeitlich ein Geständnis an - allerdings unter der Bedingung, dass auch seine Frau gesteht. Das jedoch lehnte die 39-Jährige ab. Die Folge war, dass dem Opfer eine Aussage vor Gericht nicht erspart blieb. Dabei hielt die mittlerweile 16-Jährige die Anschuldigungen aufrecht. Der Angeklagte quittierte die Aussage des Opfers mit einem Teilgeständnis. Zwei Fälle des erzwungenen Oralverkehrs habe es gegeben. Nicht mehr.

Nun bröckelte auch die Front der angeklagten Mutter. Sie gestand schließlich vollumfänglich, gab allerdings auch an, von den alleinigen Übergriffen ihres Mannes nichts gewusst zu haben. Nach den Aussagen der beiden Angeklagten schien das Prozessende nah. Doch dann beantragte Verteidiger Björn Kleyhauer in der vergangenen Woche eine erneute Vernehmung des Opfers. Diese sollte nun am Donnerstag stattfinden.

Doch dazu kam es nicht. Kleyhauer zog seinen Antrag aus der Vorwoche wieder zurück. "Um ihr das zu ersparen", gab er an. Die junge Frau, die zu diesem Zeitpunkt bereits vor dem Gerichtsgebäude stand, konnte so ohne erneute Vernehmung wieder nach Hause fahren. Doch das "Hü und Hott" der Verteidigung, das Richter Stephan Jäger in diesem Zusammenhang kritisierte, war damit noch nicht zu Ende. Über einen Beweisantrag versuchte Kleyhauer anschließend, ein zweites Gutachten zur Einschätzung der Glaubwürdigkeit des Opfers zu erreichen. Sein Mandant bleibe dabei, dass einige Aussagen des Mädchens schlicht nicht zuträfen.

Prozessbeobachter, insbesondere der leibliche Vater des Mädchens, reagierten empört auf diesen Antrag. Von "psychologischen Spielchen" war die Rede. Schließlich hätte die Erstellung eines erneuten Gutachtens vermutlich so lange gedauert, dass man anschließend den Prozess noch einmal von vorne hätte beginnen müssen - inklusive erneuter psychischer Belastungen des Opfers.

Doch der Antrag Kleyhauers fiel bei der Strafkammer glatt durch. Ein wissenschaftlich fundiertes Gutachten liege bereits vor, wonach die Aussagen des Opfers "mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erlebnisfundiert sind" und folglich vermutlich wie geschildert stattgefunden hätten, sagte Richter Jäger. Auch die Andeutung der Verteidigung, die 16-Jährige hätte mit falschen Beschuldigungen die Trennung der Eheleute provozieren wollen, werde durch das Gutachten widerlegt. "Sie wollte einfach nur, dass ihr jemand glaubt, und sie wollte raus aus diesem Umfeld. Das war ihr Antrieb", so Jäger.

Auch einem Rechtsgespräch zwischen Verteidigern, der Staatsanwaltschaft, der Nebenklage und dem Gericht erteilte Jäger im Anschluss eine Absage. Kleyhauer hatte ein solches, ebenso wie zuvor die Staatsanwaltschaft, angeregt, um die Kontroverse auszuräumen. Zwischenzeitlich sah es eher so aus, als würde das immer wieder zu Beratungen unterbrochene Verfahren erneut vertagt werden müssen. Doch nach einer neunstündigen Verhandlung fiel dann doch das Urteil. Es ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Bei der Strafzumessung berücksichtigte das Gericht, dass die Angeklagten - wenn in einem Fall auch nur teilweise - geständig waren. Auch sei bei den Übergriffen keine körperliche Gewalt angewandt worden. Dennoch "wiegen die Taten schwer", stellte Richter Jäger klar. Die Jugendliche habe keine Rückzugsmöglichkeit gehabt, da die Übergriffe gerade von den Menschen begangen worden seien, die "sie eigentlich hätten schützen müssen". Die Spätfolgen für das Opfer, das derzeit bei Pflegeeltern lebt, seien noch nicht abzusehen.

Die angeklagte Mutter kritisierte der Richter in deutlichen Worten: "Sie haben, bewusst oder unbewusst, die Augen zugemacht und durch ihre eigene Haltung vor Gericht indirekt ihre Tochter der Lüge bezichtigt." Allerdings sagte Jäger auch: "Es ist noch nicht zu spät für Sie, Verantwortung zu übernehmen." Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die Frau bereits getan: Sie hat sich von ihrem Mann getrennt.

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Christian Kreuzer

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Veröffentlicht am:
14. 03. 2019
21:26 Uhr

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Christian Kreuzer

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