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Länderspiegel

Im Schatten des Kronzeugen

Unter heftigem Protest hat in Hof der Prozess gegen eine mutmaßliche Rauschgiftbande begonnen. Die Verteidiger sehen die Regeln eines fairen Verfahrens verletzt.



Unser Foto zeigt den mutmaßlichen Bandenchef Gabriel L. (links) mit seinem Regensburger Verteidiger Helmut Mörtl.   Foto: Joachim Dankbar

Unter erheblichem Medieninteresse hat am Dienstag am Landgericht Hof der Prozess gegen fünf Männer begonnen, die für den Schmuggel von nicht weniger als einer Tonne Marihuana von Spanien nach Deutschland im vorigen Jahr verantwortlich gewesen sein sollen. Das Rauschgift soll unter Ladungen von Obst und Gemüse versteckt nach Deutschland gebracht worden sein.


Die Geschäfte flogen auf, als der Zoll im August des vorigen Jahres einen Kühltransporter in Berg an der A 9 kontrollierte. Unter einer Ladung Pfirsichen in eher fragwürdigem Zustand wurden hundert Kilo Marihuana bester Qualität gefunden. Der rumänische Lkw-Fahrer, der gerade über Frankreich aus Spanien gekommen war, wurde festgenommen. Seine Komplizen hat das offenbar wenig geschockt. Nicht einmal einen Monat später wurde auf dem Kölner Großmarkt der nächste Rauschgift-Transporter gestoppt. Wieder waren es 100 Kilogramm Marihuana, die unter einer Ladung Melonen versteckt waren.


Dieses Mal handelte es sich aber um ein von Zollfahndern und Kripo überwachtes Geschäft. Deshalb wurde nicht nur der rumänische Lkw-Fahrer, sondern auch zwei weitere mutmaßliche Bandenmitglieder inhaftiert, als sie sich am Morgen an das Entladen des Lkw machen wollten.


Mutmaßlicher Kopf der Bande ist der 38-jährige Geschäftsmann Gabriel L. aus Köln. Zusammen mit dem 36-jährigen Erhan G. aus Bonn soll er innerhalb von nur sechs Monaten fast drei Millionen Euro mit dem Marihuana eingenommen haben. Nach Überzeugung der Rauschgiftfahnder ist es in den einschlägigen Szenen in Köln, Berlin und Dresden an den Mann gebracht worden. Weitere Angeklagte sind zwei rumänische Lkw-Fahrer und ein 57-jähriger Geschäftsmann aus Berlin, der unter anderem die Hallen angemietet haben soll, in denen das Rauschgift angeliefert wurde.


Der Verteidiger von Gabriel L., der Regensburger Rechtsanwalt Helmut Mörtl, stellte jedoch noch vor der Verlesung der Anklageschrift einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht. Er kritisiert, dass dieselbe Kammer seit der vorigen Woche gegen ein weiteres Mitglied der Bande ein eigenes Verfahren eröffnet hat. Der dort angeklagte Rumäne Alexandru P. hat – wir berichteten – ein umfangreiches Geständnis abgelegt.
Nach seiner Festnahme hatte Alexandru P. einen Brief an die Staatsanwaltschaft Hof geschrieben und um ein Gespräch gebeten. Daraus wurden gleich acht ausführliche Vernehmungen, bei denen der rumänische Lkw-Fahrer die gesamte Struktur der Bande offenlegte. Demnach sei er so etwas wie der Cheflogistiker der Bande gewesen. Er habe Gabriel L. auf dessen Wunsch mit den illegalen Marihuana-Anbauern in Andalusien zusammengebracht. Später habe er die Fahrer und Kühllastwagen für die Tarnlieferungen von Obst und Gemüse organisiert und das Drogengeld quer durch Europa transportiert. Nachdem Alexandru P. ausgesagt hatte, war nicht mehr von zwei, sondern von zehn Lieferungen von jeweils 100 Kilo Marihuana die Rede. Er soll als Zeuge aussagen.


Mörtl hält das Vorgehen der Kammer in seinem – abgelehnten – Befangenheitsantrag für rechtlich inkorrekt. Wenn man von einer Bande ausgehe, dann müsse gegen alle mutmaßlichen Mitglieder gemeinsam verhandelt werden. Die Abtrennung der Verfahren diene nur dazu, einen Kronzeugen aufzubauen, gegen den sich sein Mandant Gabriel L. nicht wehren könne. Deswegen seien die Regeln eines fairen Verfahrens missachtet worden. Rechtsanwalt Mörtl sieht sogar die europäische Menschenrechtskonvention verletzt.
Alexandru P. hatte in der vorigen Woche in seinem Prozess unter Tränen angegeben, dass er in der Untersuchungshaft massiv bedroht worden sei. Unter anderem habe ihn ein von Gabriel L. beauftragter Rechtsanwalt bedeutet, dass er seinen Mund halten solle, wenn ihm das Wohl seiner Familie wichtig sei. Dieser Anwalt ist nicht mehr am Verfahren beteiligt.


Einige der acht Verteidiger bemängelten aber auch, dass ihnen wesentliche Teile der Ermittlungsakten zu spät oder gar nicht zur Verfügung gestellt wurden. Sie verlangten daher eine Aussetzung des Verfahrens. Vorsitzender Richter Claus Peter Riedelbauch verkündete nach einer Beratungspause, dass der Prozess zwar nicht ausgesetzt, aber bis zum 3. Juni unterbrochen wird. Bis dahin sollen die Verteidiger die Möglichkeit haben, sich in weitere Akten einzuarbeiten. Dazu gehöre im Übrigen auch ein „20 Zentimeter hoher Stapel“ von Papieren mit den Vorstrafen von Gabriel L.

 

 

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Joachim Dankbar

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Veröffentlicht am:
14. 05. 2019
10:20 Uhr

Aktualisiert am:
14. 05. 2019
20:10 Uhr

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14. 05. 2019
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