LBV Coburg „Ein Booster für die Vielfalt der Natur“

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Seit 30 Jahren Vorsitzender des LBV-Coburg: Frank Reißenweber . Foto: Frank Wunderatsch Foto:  

Der Biologe Frank Reißenweber leitet seit 30 Jahren den Landesbund für Vogelschutz. Hat sich in all den Jahren etwas im Coburger Land zum Positiven entwickelt? Was möchte er noch erreichen? Wie sieht seine Arbeit aus? Ein Interview aus Anlass des Jubiläums.

Herr Reißenweber, wann wurde Ihr Interesse für Biologie geweckt?

Schon als Kind war ich begeistert bei der Imkerei meines Vaters immer mit dabei und bekam mit zehn Jahren schon mein erstes Bienenvolk. Wir waren auch oft im Wald und in der Natur unterwegs und im Coburger Naturkundemuseum war ich ein Dauergast bei schlechtem Wetter.

Wie kamen Sie zum Vogel- und Naturschutz?

Mit zwölf Jahren bekam ich ein Kosmos-Vogelbuch von meiner Tante zu Weihnachten geschenkt. Mich faszinierten schon vorher die vielen Vögel am Futterhaus. Ich identifizierte mit dem Buch dann über 20 Vogelarten bei uns im Garten und fing so Feuer für die Ornithologie. Ab dem nächsten Frühjahr war ich dann immer bei den Vogelstimmenwanderungen mit dabei, die mein Vorgänger Waldemar Barnickel von der alten Ornitholog. AG Coburg anbot und für die unser Biologielehrer am Casimirianum auch immer Werbung machte und sogar interessierte Schüler früh um 5 Uhr im PKW mitnahm. Hier fand ich schnell Kontakt zu etwas älteren Gleichgesinnten, die mich regelmäßig mit auf Exkursion mitnahmen.

Sie waren auch bei Jugend-forscht aktiv.

Meine Arbeit erstellte ich über die Vogelart Neuntöter – einem auch heute noch seltenem, aber bei uns vorkommendem Heckenvogel. Mit ihr wurde ich Landessieger von Bayern und immerhin noch fünfter im Bund, mit Zusatzpreis für den Umweltschutz. Da wusste ich auch schon mit 17 Jahren, dass ich Biologe werden will. Nach meinem Abitur am Casimirianum studierte ich dann Biologie an der Uni Bayreuth.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Diplomarbeit?

Ja, da ging es um Insekten, genauer gesagt um kleine Kurzflügelkäfer und deren Abwehrsekrete. Neben dem Freilandteil mit Artenbestimmung war ein großer Teil Laborarbeit mit chemischen Analyseverfahren. Ich arbeitete mit damals sehr modernen Analysegeräten wie Gaschromatografie und Massenspektrometrie und identifizierte auch erfolgreich viele Substanzen, mit denen sich die Käferchen gegen Fressfeinde verteidigten.

Sie setzen sich seit über 30 Jahren für Vogel- und Naturschutz ein. Haben Sie das Gefühl, dass sich in diesem Punkt in der Gesellschaft etwas zum Positiven gewandelt hat?

Ja, das läuft aber schubweise ab: Anfang der 80er Jahre ging es steil bergauf, dann stagnierte die gesellschaftliche Entwicklung. Mit der Wende 1990 wuchsen große Hoffnungen. Dann kamen wieder Jahre der Stagnation und kurz nach der Jahrtausendwende so ein richtiger Tiefpunkt, der erst 10 Jahre später wieder ausgeglichen war. Seit 2015 geht es wieder aufwärts und mit dem erfolgreichen Volksbegehren 2019 wurde gerade hier bei uns in Bayern ein neuer Höhepunkt im gesellschaftlichen Bewusstsein erreicht. Das war gerade für den Landesbund für Vogelschutz ein Riesenerfolg. Wir hoffen, dass die Umsetzung bis 2030 jetzt ebenso erfolgreich verläuft. Im Zuge der Klimadiskussion haben ökologische Themen insgesamt wieder starken Rückenwind. Allerdings gibt es eine große Diskrepanz zwischen berechtigten Forderungen an die Gesellschaft und eigenem Handeln vieler Menschen.

Das Wissen der Menschen über die Natur ist doch eng begrenzt. Was kann man tun?

Beim LBV spielte Umweltbildung immer schon eine große Rolle. Der Landesverband hat ein bayernweit aktives Referat Umweltbildung mit mehreren Mitarbeitern und ein Pressereferat zur Information der Öffentlichkeit. Wir betreiben bayernweit einen LBV-Kindergarten und 13 Umweltstationen und wir in Coburg haben zwei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich schwerpunktmäßig mit Umweltbildungsthemen befassen. Auch Klassiker wie die Vogelstimmenwanderungen gehören auch heute noch mit zur Umweltbildung. Wir in Coburg haben seit etwa 1860 eine enge Kooperation mit dem Naturkundemuseum Coburg und ich bin Vorstandsmitglied in der Ökologischen Bildungsstätte Oberfranken im Wasserschloss Mitwitz.

Sie treffen immer wieder auf Widerstände. Wie gehen Sie damit um?

Bei uns spielen wissenschaftliche Erkenntnisse die zentrale Rolle. Der LBV leitet seine Forderungen, auch die umweltpolitischen, von naturwissenschaftlichen Studien und Erhebungen ab. Wir versuchen als Naturschutzverband immer zuerst mit Argumenten zu überzeugen und aufzuklären. Erst wenn dies ignoriert wird, versuchen wir, politische Mehrheiten zu organisieren und über die Konfliktfrage abstimmen zu lassen. Dies ist bei wichtigen Fragen dann auch gelungen.

Unter anderem beim Volksbegehren für Artenschutz „Rettet die Bienen“.

Ja. Letztlich hat der Landtag mit über 80 prozentiger Zustimmung den fachlich begründeten Gesetzentwurf des Aktionsbündnisses mit dem LBV angenommen, weil er einfach gut begründet und vom Volk mit breiter Mehrheit gewollt war. Bei eklatanten Verstößen, die staatlich nicht unterbunden werden, kann der LBV auch einmal juristisch vorgehen und klagen. Dies passiert zwar eher selten, aber wenn wir uns zur Klage entschließen, dann gewinnen wir sie meistens auch.

Landwirtschaft und Naturschutz – nicht selten ein Spannungsfeld. Können Sie Landwirte manchmal dennoch verstehen?

Selbstverständlich! Unsere Landwirte leiden genauso wie die Arten der Agrarlandschaft unter der jetzigen Agrarpolitik. Die stark negativen Bestandskurven von Rebhuhn, Kiebitz, Feldlerche und Adonisröschen laufen genau parallel zum Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe. Die Ursachen sind dieselben für beides.

Was sollte man tun?

Das jetzige System sollte unbedingt überwunden und die Erhaltung der Biodiversität zu einem neuen Fruchtfolgeglied in der Landschaft werden, von dem die Landwirte genauso Geld verdienen, wie von Mais und Weizen. Wichtig ist – und genau dafür macht sich der LBV stark – dass dieser notwendige Transformationsprozess nicht zulasten der wenigen noch verbliebenen Betriebe geht, sondern dass die Bauern mitgenommen werden, finanziell überleben können und auch wieder die verloren gegangene gesellschaftliche Anerkennung zurückgewinnen.

Wie kann man die Landwirte mitnehmen?

Es wird sich da viel im Agrarsystem ändern müssen. Biologisch, saisonal und regional sind nur drei Schlagworte, wo die Entwicklung hingehen muss. Die Landwirte werden dann immer noch in erster Linie Nahrungsmittel erzeugen, aber eben auch Treibhausgase netto einsparen, etwa durch Moorregeneration, Anlage neuer Heckensysteme und von höherem Humusgehalt im Boden, sauberes Trinkwasser bereitstellen und für die aktive Erhaltung der biologischen Vielfalt eine feste Vergütung erhalten, da dies eine originäre Gemeinwohlaufgabe ist, die momentan noch viel zu schwach entgolten wird.

Das klingt nicht einfach.

Manche Bauern verstehen dies leider noch nicht richtig und gehen immer gleich auf Abwehr, da sie Nachteile befürchten. Aber auch die Kartoffel wurde ja als neues Fruchtfolgeglied gegen große Skepsis vom Preußenkönig Friedrich II. letztlich durchgesetzt. Viele Landwirte ziehen aber bereits heute schon mit. Unsere 220 Hektar LBV-Naturschutzflächen im Coburger Land wären ohne deren Mitarbeit gar nicht im Sinne der Biodiversität. Übrigens gab es kurz vor dem Regierungswechsel auf Bundesebene die Zukunftskommission Landwirtschaft, die von Angela Merkel persönlich moderiert wurde und die von den Naturschutzverbänden bis zum Deutschen Bauernverband am Ende ein gemeinsames, einvernehmliches Abschlusspapier herausgebracht hat. Das war ein Meilenstein zur Agrarwende! Die neue Bundesregierung baut darauf auf. Daher besteht erstmals echte Hoffnung auf einen positiven Systemwechsel gleichsam für Natur und Landwirte und für eine stabile eigene Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln.

Wenn Sie für den Zustand der Natur im Coburger Land eine Schulnote vergeben müssten, welche wäre das?

Eine schwierige Frage, da der Maßstab fehlt und die Antwort für jede einzelne Art oder wenigstens Artengruppe einzeln gegeben werden müsste. Der Weißstorch bekäme die Note 1, da sein Bestand regelrecht explodiert ist von einem Brutpaar 1984 auf 17 Brutpaare 2021 im Coburger Land. Auerhuhn, Steinsperling, Wiedehopf bekämen die Note 6, da sie bei uns ausgestorben sind, obwohl sie einmal regelmäßig als Brutvögel vorkamen. Braunkehlchen, Turteltaube und Kiebitz eine 5, da ihr Bestand katastrophal rückläufig ist, Blaukehlchen und Buntspecht eine 2, da sie Bestandszunahmen verzeichneten. Vögeln geht es insgesamt besser, als Amphibien und Fischen.

Wie steht es um die Pflanzen?

Das ist ebenfalls nicht leicht zu beantworten. Immerhin könnte eine Aufgliederung nach Hauptlebensraum etwas Aufschluss geben: Waldarten und Stillgewässerarten geht es allgemein besser als Arten der Siedlungen oder der Fließgewässer. Am schlechtesten geht es den Arten der Agrarlandschaft. Coburg liegt damit grundsätzlich wie im bayernweiten und EU-weiten Gesamttrend. Immerhin konnten wir verhindern, dass in den letzten 20 Jahren weitere Vogelarten bei uns ausstarben. Durch unsere Schutzgebiete und angekauften Flächen liegen wir in Coburg aber sichtbar besser als die Mittelwerte der anderen.

Gibt es ein Ziel, das Sie als LBV-Kreisvorsitzender auf jeden Fall noch erreichen möchten?

Ja, ich möchte noch die Umkehr der allgemein negativen Bestandtrends von Flora und Fauna und die Sicherung der Biodiversität bei uns erleben. Die Roten Listen sollen wieder kürzer werden, ausgestorbene Arten zurückkehren, das menschliche Wirtschaften insgesamt nachhaltig sein und der Klimawandel bei unter zwei Grad aufgehalten. Klingt fast schon utopisch, aber genau das will ich erreichen und dahin strebe ich als LBV-Vorsitzender. Im Coburger Land möchte ich mit Partnern aus amtlichem Naturschutz, Stadt Coburg und Wasserwirtschaft noch ein großes, naturschutzorientiertes Beweidungsprojekt mit Extensivrindern, Wasserbüffeln und halbwilden Pferden auf deutlich über 100 Hektar etablieren, was die genannten Biodiversitätsziele regelrecht boostern wird.

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